Buchbesprechungen
Lesenswert
Jacob Eder
Jenseits der Staatsräson
Droemer. 304 Seiten. 22 €
Der Verfasser, Professor für Geschichte an der Barenboim-Akademie, berührt heikle Themen – »Erinnerung, Antisemitismus und der Nahostkonflikt in Deutschland«, so der Untertitel. Sein Anliegen: die sterile Erinnerungskultur mit ihrer Fixierung auf die Staatsräson zurückzudrängen. Er will damit die deutsche Verantwortung nicht leugnen. Sie bleibe eine Aufgabe der Zivilgesellschaft; nur so könne sie Lebendigkeit wahren, erstarre sie nicht in formelhafter Ritualisierung und Geschichtsvergessenheit. Für Eder ist der hiesige Antisemitismus weit(er)hin in der Gesellschaft verwurzelt. Beim Nahostkonflikt plädiert er dafür, die »binäre Logik« zu überwinden. Was überzeugt und viele Überlegungen anschaulich macht: die persönlichen Erfahrungen des Autors mit Betroffenen. Ein anregendes Buch! Nur der rote Faden geht ihm manchmal verloren, da so viele verschiedene Themen angesprochen werden. Eckhard Jesse
Markus Hofer
Franz von Assisi
Tyrolia. 184 Seiten. 25 €
Das Anliegen des Theologen, Philosophen und Germanisten Hofer ist es, das »radikale Leben« des »verrückten Narren« Franz von Assisi neu zu erzählen. Dies geschieht, indem er es von manch romantisierend-verniedlichenden Legenden befreit und den »authentisch«-historischen Kern dieses tief frommen Mannes freizulegen sucht, gestützt vor allem auf Schilderungen dreier Gefährten. So findet Hofer zum Beispiel keinerlei historische Hinweise darauf, dass zwischen Klara, einer begeisterten Anhängerin, und Franziskus ein freundschaftliches, gar erotisches Verhältnis bestanden habe. Der berühmte »Sonnengesang« des Franziskus habe nichts mit »Naturschwärmerei« zu tun, sondern sei »Lob Gottes durch die Natur« in einer Situation »größter Schmerzen« und »tiefster Verzweiflung«. Manch anderes, was über Franz erzählt wird, lässt der Autor in der Schwebe. »Leicht verdaulich« sei dieser »heilige Narr« jedenfalls nicht, bekennt Hofer, doch könne der Blick auf ihn durchaus »heilsam« sein. Hartmut Meesmann
Vittorio Hösle
Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben
Karl Alber. 120 Seiten. 19 €
Aktuelle Stimmen, die ein angebliches Scheitern des Liberalismus verkünden, hält der deutsch-amerikanische Philosoph Vittorio Hösle für äußerst gefährlich. Es seien sich selbst erfüllende Prophezeiungen. »Wir handeln unverantwortlich, wenn wir durch die Verbreitung solcher Überzeugungen zum [...] Untergang des Systems beitragen«, schreibt Hösle. Analoge Theorien in der Vorgeschichte des Aufstiegs des Faschismus hätten dies getan. Der Autor vergleicht den heutigen Erfolg des Rechts- und Linksextremismus mit Hitlers legalem Aufstieg zur Macht, »da seine Partei im Juli 1932 zur stärksten geworden war und zusammen mit der kommunistischen Partei Deutschlands die Mehrheit der Sitze innehatte«. Alle anderen Parteien zusammen wären nicht mehr in der Lage gewesen, eine Regierung zu bilden. Demokratische Freiheiten und individuelle Grundrechte ließen sich nur durch Besinnung auf den klassischen Liberalismus schützen, der »ursprünglich von moralischen Prinzipien inspiriert« war und den Hösle von der »Entfesselung der Gier« durch einen fehlgeleiteten Neoliberalismus abgrenzt. Eva Steinherr
Jochen Sautermeister/Josef Sayer (Hg.)
Evangelium bis an die Ränder
Herder. 196 Seiten. 30 €
Im Vergleich zu seinem Vorgänger Papst Benedikt XVI. sei er kein hervorragender Theologe, hieß es häufig über Papst Franziskus. Die Beiträge dieses Buches, herausgegeben von dem Bonner Moraltheologen Sautermeister und dem ehemaligen Hauptgeschäftsführer von Misereor Sayer, belehren eines Besseren. Anhand der elf programmatischen Schriften dieses Papstes – angefangen mit Evangelii Gaudium (2013) bis hin zu Dilexit Nos (2024) – arbeiten sie sein theologisches Profil heraus. Gemeinsam ist diesen Texten, dass der Papst sich darin konkreten Fragen aus Gesellschaft und Kirche gewidmet und dazu Position bezogen hat. Er schrieb über pastorale Praxis und die aktuellen Menschheitskrisen. Damit wird ihre »Erdung« an konkreten Problemen unserer Zeit zu einem Kennzeichen dieser Theologie. Tiefenschärfe gewinnt sie durch ihre spirituelle Grundlegung. Dieser Eigenart verdanken sich ihre Impulse für einen zeitgemäßen Glauben, die über den Tod von Papst Franziskus hinaus beherzigt zu werden verdienen. Norbert Mette
Ursula Schröder
Schutz in Krisenzeiten
Piper. 288 Seiten. 24 €
»Sicherheit und Verteidigung für unsere Zukunft« lautet der Untertitel dieses Sachbuches, das für ein Laienpublikum geschrieben ist. Zentrale Fragen: »Welchen Schutz können wir vom Staat erwarten? Was müssen oder was könnten wir selbst in die Hand nehmen?« Dabei geht es um ökologische Krisen, aber auch um Krieg. Schröder glaubt offenbar dem Narrativ, dem zufolge Russland einen Angriff plant. »Wir gehen von etwa 1000 verwundeten Soldaten und Soldatinnen aus«, zitiert sie unter anderem einen General, der am »Operationsplan Deutschland« mitgeschrieben hat. Die Autorin ist Direktorin des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Von 1984 an, als der Kalte Krieg in eine neue heiße Phase zu driften drohte, wurde die Institution von Egon Bahr geleitet. Von seinen Ideen für eine gemeinsame Sicherheit als Alternative zur Aufrüstung findet man nichts in diesem Buch. Christine Weber-Herfort

