Wolkengucker
Wer den Wolken nachschaut, dem eilt der Ruf voraus, ein Träumer und Fantast zu sein. Hans-guck-in-die-Luft und der fliegende Robert sind die literarischen Archetypen, in deren Bann jener Schwärmer zu leben scheint. Den Kopf in den Wolken, verliert er allzu leicht den Boden unter den Füßen. Realitätsuntüchtig, urteilt die Welt, und wenn er dem Erdverbunden-Wirklichen das Luftig-Imaginäre weiter vorziehe, sei sein Leben ein einziges Scheitern. So die pädagogische Lesart der Wolkenguckerei, die in einer Tradition steht, Wolken als Sinnbilder der Illusion und Täuschung, des Diffusen und Verschleierten, letztlich des Unwahren zu deuten. Im Gegensatz dazu erscheint der blaue Himmel als Raum der Vernunft. So reiste ich als junger Erwachsener mehrere Male nach Griechenland auf den Spuren des antiken Geistes, dessen Vernunftideal mir im Griechischunterricht vermittelt worden war. Mit erhitztem Kopf stolperte ich zur Mittagszeit über die archäologischen Stätten, während die Einheimischen, den jungen Touristen belächelnd, die glühende Sonne flohen und in abgedunkelten Zimmern Siesta hielten. Jedes mühsam auf Stelen und Steinen entzifferte Wort machte mich glücklich, als hätte ich ein Sesam-öffne-dich zur hellenischen Welt gefunden. Und über mir spannte sich ein unermessliches Himmelsgewölbe auf: Kein Wölkchen trübte das Luftmeer, hell und klar leuchtete die Unendlichkeit. Alles um mich herum war vollständig ausgeleuchtet, die Formen der Dinge scharf umrissen, und das Licht zog den Blick nach oben. Fürwahr, ein Himmel der Aufklärung. Nichts konnte sich der Erhellung entziehen, und der junge Mensch, der nur Ja und Nein gelten lassen will, verspürt je grenzenloser der Himmel über ihm, desto heftiger den Hang zum Unbedingten, zum Absoluten in sich.
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