Weltklimabericht: Die Zeit wird knapp
Millionen Menschen könnte die Veränderung der Lebensgrundlagen in die Flucht treiben, in vielen Gegenden werden nicht mehr wie bisher Nahrungsmittel produziert werden können, es wird Hungersnöte, mehr Krankheiten und Kriege um die schwindenden Ressourcen geben sowie Kosten in Billionenhöhe. Doch, auch das erklären die Wissenschaftler, noch immer sei Zeit, umzusteuern.
Bei den Klimakonferenzen hat die Weltgemeinschaft in den vergangenen Jahren allerdings nicht gezeigt, dass sie zu einem Unsteuern bereit ist. Laut dem Bericht des Weltklimarats IPCC, der am Montag im japanischen Yokohama veröffentlicht wurde, steuert die Welt jedoch ohne entsprechende Gegenmaßnahmen auf eine Erwärmung um vier Grad und mehr gegenüber der vorindustriellen Zeit zu. Damit steigt die Gefahr von »Kipp-Punkten«, von »abrupten, unumkehrbaren Klimaänderungen mit sehr hohem Risiko.«
Der 2000 Seiten umfassende Bericht ist Teil eines dreiteiligen Reports, an dem 840 Experten mitgewirkt haben. Die Zahl der Studien und Daten, auf die sich die Wissenschaftler stützten, sind im Vergleich zum letzten Report 2007 zehnmal so hoch. Zum fünften Mal veröffentlicht der 1988 gegründete IPCC seine Einschätzung der Lage. Sie fällt diesmal so düster aus wie noch nie.
Alle Kontinente betroffen
Schon heute seien vom Klimawandel die Ökosysteme aller Kontinente und Ozeane betroffen. Einzigartige Ökosysteme wie die Korallenriffe oder die Arktis seien bedroht. Europa muss vor allem mit Überschwemmungen und Hitzewellen rechnen. Am schlimmsten wird es aber die südlichen Länder in Afrika, Mittel- und Südamerika treffen. Ganze Ökosysteme wie der Amazonas- Regenwald könnten sich verändern. »Ein solch grundlegender Wandel von Ökosystemen kann neben regionalen Auswirkungen auch negative Folgen für das globale Klima haben und wird dann nicht mehr rückgängig zu machen sein«.
Die Aussagen, die der Bericht macht, sind allerdings nicht unumstritten. Der Umweltökonom Richard Tol von der University of Sussex in Großbritannien und Mitglied der Gruppe, die den Report zusammenfassen sollte, trat kurz vor Verabschiedung des Dokuments, zurück. Er warf den Kollegen vor, der Bericht gehe zu sehr in »Richtung Alarmismus«. Dem Fernsehsender BBC sagte er: »Die Botschaft des ersten Entwurfs war, dass durch Anpassung und eine kluge Entwicklung die Risiken handhabbar sind, aber dass dies ein gemeinsames Handeln erfordert«. Dies sei herausgefallen. Tol ist der Auffassung, dass die wirtschaftlichen Schäden durch den Klimawandel eher gering ausfallen.
Greenpeace: »Ausreden lässt dieser Bericht nicht mehr zu!«
Greenpeace fordert als Reaktion auf den Bericht, den Ausstoß an Treibhausgasen innerhalb kurzer Zeit drastisch zu reduzieren. »Ausreden lässt dieser Bericht nicht mehr zu!«, sagt Klimaexpertin Gabriela von Goerne.
Sabine Minninger von Brot für die Welt warnt: »Schon bei einem Grad Erwärmung werden die Erträge von wichtigen Grundnahrungsmitteln wie Weizen, Reis oder Mais in vielen Regionen der Welt zurückgehen. Derzeit steuern wir aber eher auf vier Grad oder mehr zu, wodurch die Risiken für die Ernährungssicherheit und die Wasserversorgung ganz massiv zunehmen.«
Die Kosten für die Anpassung an den Klimawandel in den Entwicklungsländern schätzt der IPCC-Bericht auf 4 bis 109 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch, fordert die Bundesregierung auf, Geld für den »lange verhandelten internationalen Klimafonds« bereitzustellen, der Entwicklungsländer bei Klimaschutz und Anpassung unterstützen soll.«
Im kommenden Jahr werden die Staaten zeigen können, ob sie die Botschaft des IPCC verstanden haben. 2015 soll ein neues Weltklimaabkommen verabschiedet werden. Aber noch ist es fraglich, ob es zustandekommt.
