USA: Kulturkampf forever?
Amerikaner, die sich nach dem Ausstieg des penetranten Super- Katholiken Rick Santorum etwas weniger Kulturkampf und etwas mehr Sachlichkeit erhofften, haben die Rechnung ohne die amerikanischen katholischen Bischöfe gemacht. Die obersten Hirten behaupten zwar, keine politische Richtung zu bevorzugen, aber das am 12. April vom Ad Hoc Komitee für Religiöse Freiheit veröffentlichte Manifest der Bischofskonferenz kann nur als fortgesetzte, verschärfte Kampfansage an die Regierung Obama gelesen werden. Das 12-Seiten-Dokument unter dem Titel »Our First, Most Cherished Liberty« ruft zu einer »mächtigen nationalen Kampagne« zum Schutz der bedrohten Religionsfreiheit auf.
Sieben angebliche Einschränkungen religiöser Freiheit werden konkret angesprochen . Dazu gehört zum Beispiel der Ausschluss katholischer Adoptionseinrichtungen, die sich weigern, Kinder an unverheiratete oder homosexuelle Paare zu vermitteln. Doch wie schon seit Monaten zielt die schärfste Kritik auf den Passus in Obamas Gesundheitsreform, der Empfängnisverhütung und Sterilisation als Versicherungsleistungen bestimmter religiöser Arbeitgeber vorsieht. Obamas Kompromissvorschlag, der den Versicherungen die Kosten aufbürdet, hatten die Bischöfe sofort und ohne zu zögern abgelehnt - doch erst jetzt begründen sie ihre Entscheidung: Die Bischöfe wollen das Gesetz ignorieren, weil es sich hier nach ihrer Meinung um ein »ungerechtes Gesetz« handele, das man nicht befolgen müsse. Zweifler werden an Martin Luther Kings Brief aus dem Gefängnis in Birmingham erinnert. Schon King habe gesagt, dass ungerechte Gesetze entweder geändert werden müssten oder aber nicht befolgt werden dürften.
Notwehr gegen eine übergriffige Regierung?
Als Höhepunkt der nationalen Kampagne kündigen die Bischöfe sommerliche »Freiheitswochen« an. Vom 21. Juni bis zum Nationalfeiertag am 4. Juli soll landesweit in allen Diözesen »mit aller uns zur Verfügung stehenden Kraft, Kreativität und Energie« für Religionsfreiheit gebetet, gelernt und öffentlich demonstriert werden. Auch wenn die Bischöfe ihre Kampagne nicht als politische Aktion sondern als pure Notwehr gegen eine übergriffige Regierung verstanden haben wollen, ändert das nichts an der Tatsache, dass sie den vom gescheiterten Rick Santorum angeworfenen Kulturkampf ganz gezielt in die nächste Runde befördert haben und Schützenhilfe, egal aus welcher Ecke, willkommen heißen.
Von der American Civil Liberties Union (ACLU), Amerikas ältester Bürgerrechtsorganisation, kommt die Schützenhilfe nicht. Ihr missfällt die Kampagne: »Die ACLU unterstützt zwar die freie Ausübung von Religion und Glauben - doch wir sind nicht der Meinung, dass irgendeine religiöse Einrichtung das Recht hat, Religion als Entschuldigung für Diskriminierung oder Verweigerung von Diensten zu benutzen, und sie sollte dafür keinesfalls Regierungsgelder erwarten.«
