Die Wehrpflicht wieder einführen?
Wolfgang Kessler: Ja, dann müssen alle über das Töten reden
Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich bin überzeugter Wehrdienstverweigerer. Am liebsten wäre mir eine Welt ohne Armeen und ohne Bundeswehr. Doch das ist leider Illusion. Also geht es um die Art der Armee. Und da bin ich eindeutig gegen eine Berufsarmee. Sie wurde in Deutschland im Zuge des Hypes um den ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eingeführt.
Entstanden ist eine Armee, die Kriegstechnik und Töten zum Beruf macht – und völlig unabhängig von den Bürgern agiert. Sie führt die Befehle der Bundesregierung aus – ob in Afghanistan oder in Mali. Oder in Deutschland. Von den allermeisten Bürgern ist kein Widerstand zu erwarten – denn sie sind nicht direkt betroffen, sie können das Schießen und Töten an Professionelle delegieren.
Bei einer Wehrpflicht für Männer und Frauen wäre dies ganz anders. Da müssten sich alle jungen Leute – und wirklich alle – die Frage stellen, ob sie zur Armee gehen oder Zivil-, Friedens- oder Sozialdienst leisten. Da wären alle jungen Leute, ihre Eltern und ihre Großeltern von allen Entscheidungen der Verteidigungspolitik betroffen. Aufrüstung, Militärinterventionen oder das Töten überhaupt wären Thema in der Gesellschaft.
Gerade in Zeiten, in denen die militärische Option oft als alternativlos dargestellt wird und über gewaltfreie Möglichkeiten der Konfliktlösung kaum mehr nachgedacht wird, ist der Einspruch der Zivilgesellschaft notwendiger denn je. Die Politik würde zu spüren bekommen, dass höhere Militärausgaben und Auslandseinsätze unbeliebt sind. Und dann vielleicht schneller nach Alternativen suchen.
Deshalb sollte die Politik die Wehrpflicht wieder einführen – für Frauen und Männer.
Peter Tobiassen: Nein, sie schränkt Grundrechte ein
Wehrpflicht bedeutet nicht nur einen massiven Eingriff in das Leben der einberufenen Männer und Frauen, sondern auch eine massive Einschränkung ihrer Grundrechte. Die körperliche Unversehrtheit, die Freiheit der Person, die Freizügigkeit und die Unverletzlichkeit der Wohnung gelten nicht mehr. Solche Eingriffe sind nur zulässig, wenn die Aufrechterhaltung der militärischen Landesverteidigung – wenn wir diese denn überhaupt wollen – nicht anders als über Zwang erreicht werden kann.
Wer in Friedenszeiten die Wehrpflicht wieder einführen will, muss die Gefährdung der Landesverteidigung nachweisen. Dabei darf die Wehrgerechtigkeit nicht aus dem Auge verloren werden. Die Bundeswehr mit Wehrpflicht würde auf über 300 000 Soldaten und Soldatinnen steigen.
In der Vergangenheit wurden Millionen deutscher Männer in der militärischen Grundausbildung trainiert, die Tötungshemmung zu verlieren und auf Befehl andere Menschen umzubringen. Es ist ein großer Beitrag zur Zivilisierung unserer Gesellschaft, dass Männer das nun nicht mehr gezwungenermaßen erlernen.
Hinzu kommt: Nach dem Wegfall der Wehrpflicht sind die Freiwilligendienste aufgeblüht. Heute engagieren sich hier mehr junge Menschen als 2010 im Zivildienst und den Freiwilligendiensten zusammen. Die Bewerbungen liegen dreimal höher als die verfügbaren Plätze. Freiwilligkeit fordert bürgerschaftliches Engagement heraus, Pflichtdienste schrecken ab.
Die Wehrpflicht dagegen ist ein Rekrutierungsinstrument für Massenarmeen, die eingeführt wurden, um große Schlachten zu schlagen. Befehl und Gehorsam formten Untertanen, die die damaligen Herrscher wünschten. Wir brauchen heute weder Massenarmeen noch gehorsamsgewohnte Bürger. Die Wehrpflicht ist und bleibt ein trübes Kapitel der Geschichte.
