Die instrumentalisierte Frau
Erst Karriere, dann Kinder: Ist das die Botschaft, die hinter dem scheinbar großzügigen Angebot amerikanischer Konzerne steckt? Facebook und Google übernehmen neuerdings die Kosten für »social freezing«, also das Einfrieren von Eizellen. Wollen sie damit erreichen, dass Frauen ihren Kinderwunsch möglichst lange aufschieben?
Zumindest in Deutschland wird das so gedeutet. Evangelische und katholische Frauenverbände haben dementsprechend mit heftiger Kritik auf die Nachrichten aus dem Silicon Valley reagiert. Ein solches Angebot überschreite »eine moralische Grenze«, heißt es in der Pressemitteilung. Es suggeriere, »dass Arbeitskraft und Karriere von Frauen einen höheren Wert haben als die Gründung einer Familie oder die Vereinbarkeit von Frauen und Beruf.« Die Verbände erkennen darin »eine Instrumentalisierung von Frauen zur Steigerung des unternehmerischen Profits.«
Nun muss man weder Google noch Facebook für Vorreiter in Sachen Frauenrechte und Gleichstellung halten. In beiden Firmen arbeiten ganz überwiegend weiße, junge Männer; der Anteil an Frauen im Unternehmen ist winzig. Doch gerade deshalb haben diese Konzerne es auch gar nicht nötig, die wenigen weiblichen Arbeitskräfte vom Kinderkriegen abzuhalten. Im Gegenteil, sie übernehmen sogar die Kosten für eine Adoption, wenn gewünscht, und bezahlen jungen Müttern mehrere Monate lang Erziehungsurlaub, was in den USA absolut unüblich ist.
Die Kritik der evangelischen und katholischen Frauenverbände greift daher zu kurz. Natürlich ist es nicht unproblematisch, wenn Unternehmen dermaßen genau über die intimste Lebensplanung ihrer Mitarbeiter Bescheid wissen. Und es ist tatsächlich vorstellbar, dass Vorgesetzte im Einzelfall dann eben doch Einfluss nehmen. Doch das eigentliche Problem liegt woanders – und eine Lösung ist leider nicht in Sicht.
Frauen entscheiden sich nicht für »social freezing«, weil ihr Arbeitgeber das will –, sondern weil es ihnen in ihrer individuellen Lebenssituation zu helfen scheint. Das hat soeben auch eine aktuelle Umfrage der Wochenzeitung DIE ZEIT bestätigt. Aus Sicht der einzelnen Frauen ist das Angebot der Medizintechnik äußerst verlockend: Durch den Eingriff gewinnen sie mehr Flexibilität und ein paar zusätzliche Jahre für die knapp bemessene Lebensphase, der so genannten »Rushhour of Life«, in der so viele entscheidende Weichen gestellt werden. Deshalb wird die Nachfrage auch weiterhin steigen.
Dass deutsche Unternehmen das »social freezing« demnächst in ihre Sozialleistungen aufnehmen werden, ist trotzdem ziemlich unwahrscheinlich. Nicht, weil es unmoralisch, sondern weil es unnötig wäre: Wie viele andere medizinische Leistungen auch kostet das Einfrieren und Lagern von Eizellen in Deutschland nur einen Bruchteil dessen, was in den USA dafür berechnet wird. Wenn eine Frau das tun will, kann sie sich das hierzulande in der Regel auch leisten – ganz ohne finanzielle Unterstützung vom Arbeitgeber. Und wenn es nach dem Willen von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) geht, werden in Zukunft ohnehin die Krankenkassen diese Technik zur »programmierten« Geburt im späteren Lebensalter bezuschussen.
Schließlich ist unfreiwillige Kinderlosigkeit für die Betroffenen ein großer Schmerz. Nicht immer hat sie medizinische Ursachen. Häufig ist den Frauen schlicht und einfach die Zeit davon gelaufen – weil sie sich nach Ausbildung und Studium erst mal um einen sicheren Job bemüht haben. Weil die Traumstelle in der einen Stadt und der Traummann in der andern Stadt waren. Oder weil sie in ihren fruchtbarsten Jahren einfach nicht dem Mann begegnet sind, der für eine Familiengründung in Frage käme. Das »social freezing« kann all das nicht in jedem Fall verhindern. Aber es kann das Risiko ungewollter Kinderlosigkeit senken.
Aus Sicht der einzelnen Frau ist die Entscheidung für einen solchen Eingriff deshalb nachvollziehbar. Aus Sicht aller Frauen ist diese Entwicklung allerdings fatal. Denn die Erfahrung lehrt, dass es mit der Freiwilligkeit meist nicht mehr sehr weit her ist, wenn eine medizinische Technik erst etabliert und gesellschaftlich akzeptiert ist. Medizintechnik kann keine gesellschaftlichen Probleme lösen. Schon heute wagen es kaum noch Frauen, sich gegen Pränataldiagnostik zu entscheiden oder gar ein behindertes Kind auszutragen. Müssen sich in Zukunft Frauen, die beruflich noch nicht abgesichert sind und dennoch schon Kinder bekommen, schief ansehen lassen? Und Bemerkungen fürchten im Stil von »das wäre doch nicht nötig gewesen«? (Lesen Sie weiter auf Seite 2)
Nein, die Nachricht aus dem Silicon Valley ist keine gute Nachricht. Nicht, weil das Angebot »unmoralisch« wäre. Sondern weil es zeigt, wie groß die Nachfrage ist. Und das müsste die Frauenverbände allerdings aufschreien lassen.
Den Protest der kirchlichen Frauenverbände in Deutschland können Sie im Wortlaut nachvollziehen auf www.evangelischefrauen-deutschland.de; auf www.frauenbund.de und auf www.kfd.de
