Der Aufstand der Theologen
Hier ist eine konzertierte Aktion neoliberaler Kräfte am Werk«, diagnostiziert der Papst-Intervi ewer Peter Seewald. Er zielt damit auf die Dialoginitiative der anfangs 144, bis heute über 250 katholischen Theologieprofessorinnen und -professoren aus Deutschland, der Schweiz, Österreich und einigen anderen Ländern. Ihr Memorandum heißt: Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch. Seewald meint, da werde ein »Umbau« forciert, »der die katholische Kirche ihres Wesens und damit ihres Geistes und ihrer Kraft berauben würde«. Der Publizist fürchtet: »Am Ende steht dann eine Allerweltskirche, in der nicht Gott, nicht das Evangelium, sondern das autonome Gemeindemitglied das Maß aller Dinge ist, dirigiert von den Hohenpriestern des Zeitgeistes.«
Einen Sturm ruft die höfliche, als Bitte um einen echten Dialog formulierte Wortmeldung der Theologen hervor, mitten in der durch die sexuellen Gewaltskandale ausgelösten, schlimmen Kirchenkrise. In der Hitze, ja sogar Grobschlächtigkeit vieler Kontroversen zeigt sich, dass die katholische Kirche und ihre künftige Entwicklung den Streitenden ganz und gar nicht gleichgültig ist. Die wichtigsten Felder der aktuellen Auseinandersetzung:
Stereotype Abwehrreflexe
Heinz Josef Algermissen, der Bischof von Fulda, sieht die Kirche beleidigt durch die unerbetene Wortmeldung der Professoren. Das Theologenpapier sei »respektlos und beleidigend«. Es befördere eine »katastrophale Kirchenspaltung«. Diese Attacke zieht ihn in einen Streit mit einem der eher Konservativeren unter den Unterzeichnern, dem international angesehenen Freiburger Moraltheologen Eberhard Schockenhoff. Der erkennt bei Algermissen und anderen Bischöfen »stereotype Abwehrreflexe« sowie »ausgrenzende Aussagen, die der Autorität des Bischofsamtes schaden«. Algermissen warnt Schockenhoff vor »pauschalen Rundumschlägen«. Schockenhoff wiederum erklärt, die Bischöfe hätten Angst vor den Unterzeichnern des Memorandums. Algermissen dagegen nennt die Kritik, er würde den ihm aufgetragenen »Dienst an der Einheit« nicht gerecht, »absurd«.
»Reformpapiere bringen nichts«
Doch nicht nur vonseiten der Bischöfe steht der Reformanstoß der Mehrheit aller deutschsprachigen Theologieprofessoren unter Feuer. Kritik kommt auch von Theologen. Paul Zulehner, renommierter Kirchenzukunftsexperte in Wien, meint, »die Zeit des Resolutionismus« sei vorüber, »Reformpapiere bringen nichts«. Ähnlich argumentiert der Innsbrucker Dogmatiker Jozef Niewiadomski: Resolutionen seien »kontraproduktiv, sie fördern nicht den anvisierten Dialog«. Ferner beklagt er eine »Engführung der Rezeption auf die Forderung nach Abschaffung des Zölibats« durch die Medien.
Vom Wutbürger zum Wuttheologen?
Jürgen Manemann, politischer Theologe in der Tradition von Johann Baptist Metz und Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover, kritisiert, selbst wenn die Anliegen »richtig und wichtig« seien, so halte er doch den »Pathos« des Papiers für »unangemessen«. Nach dem Wutbürger scheine sich nun ein »Wuttheologe« zu formieren – mit der Gefahr, dass sich die Gräben zwischen Amtskirche und Theologenschaft vertiefen könnten und »beide kaum noch Einfluss auf die Gesellschaft haben«. Ferner bezweifelt er, ob eine Bekämpfung der Kirchenkrise durch die im Memorandum formulierten sechs Punkte ausreiche: »Die Krise geht viel tiefer«, sie sei eine »Gotteskrise«, so Manemann.
Hans Küng unterzeichnete spät
Ins selbe Horn stößt Kurienkardinal Walter Kasper. Er zeigt sich »maßlos enttäuscht« von den sechs Theologenforderungen. Kasper diagnostiziert Oberflächlichkeit, die Kirchenkrise sei nur zweitwichtig, es gehe vielmehr um die »Gotteskrise«. Ferdi Kerstiens, Pfarrer und Aktivist im Freckenhorster Kreis, entgegnet, die raunende Rede von der »Gotteskrise« sei »Geschwätz«. Der Begriff vernebele. Gott habe vermutlich keine Krise – und so bleibe unklar, was die Gegner der nötigen Kirchenreform mit diesem Begriff meinten.
Hans Küng unterzeichnete spät. Die um eine Generation jüngeren Initiatoren des Memorandums hatten den Konzilstheologen und Vordenker der Reform anfangs nicht angefragt. Küng kündigt für den 11. März ein neues Buch an. Titel: »Ist die Kirche noch zu retten?« Das Werk dürfte der Aktion der Theologen zusätzliche Schubkraft geben (Auszug auf Seite 41).
Im Ausland, von Italien bis Peru, unterzeichneten bereits 24 Lehrstuhlinhaber. Selbst von Professoren, die das Memorandum nicht unterzeichneten, kommt Unterstützung. So vom Münsteraner Kirchenhistoriker Arnold Angenendt. Er legt dar, dass der Zwangszölibat Audruck einer gestörten Beziehung der katholischen Kirche zur Sexualität sei.
Werdet doch evangelisch!
Äußerst publikumswirksam erfolgt der Angriff des Kölner Psychiaters und Bestsellerautors Manfred Lütz. In der FAZ-Sonntagszeitung legt das Mitglied des Päpstlichen Laienrates sowie weiterer Gremien in der römischen Kurie los. Lütz’ Attacke ist typisch für die konservativen Entgegnungen, denn sie argumentiert nicht sachlich; sie unterstellt und polemisiert. Am Tag zwei des Erscheinens der Reformforderungen bereits fordert Lütz die unterzeichnenden katholischen Theologieprofessoren auf, »sofort zur Evangelischen Kirche in Deutschland überzutreten«. Dort nämlich gäbe es alles, was sie wünschten.
Chefarzt Lütz, der 1999 in Buchform die Gesamtkirche einer höchst umstrittenen »Psycho-Analyse« unterzog, legt die Unterzeichner flugs auf die Couch. Ergebnis: Die Oberkirche ist okay, die Theologieprofessoren dagegen sind krank. Ihr Memorandum sei ein »Dokument der Resignation und Verzweiflung«. Zu den sechs Reformforderungen meint Lütz: »Man weiß im Grunde sehr gut, dass das alles nicht eintreten wird.« Lütz erinnert an die Kölner Erklärung von 1989 »Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität«. Damals hatten 220 Theologieprofessoren gegen den autoritären Kurs von Papst Johannes Paul II. protestiert. Lütz verordnet nun den heutigen Unterzeichnern eine »psychotherapeutische« Einsicht: »Wenn man immer wieder etwas tut, das nicht funktioniert, dann hat man ein Problem.«
Die von Lütz formulierte, von Konservativen gern wiederholte Argumentation lautet im Klartext: »Geht doch nach drüben!« So sagten früher Konservative zu Leuten, die die Bundesrepublik verbesserungswürdig fanden. Statt über ihre Kritik nachzudenken, empfahl man ihnen die DDR. Erzkonservative Katholiken folgen in ihrer Reformabwehr demselben Reflex. Sie verkennen, dass es den Unterzeichnern darum geht, die Kirche am Evangelium auszurichten. Offenbar haben viele Konservative hierzu keinerlei Lust.
Und ein Gegenpapier gibt es auch
So zum Beispiel Matthias Mattusek. Der Salonkatholik und Kulturjournalist wünscht in Spiegel.online, dass die sich für ihre Kirche engagierenden Theologieprofessoren, statt mitzureden, »mal öfter hinknieten, das Haupt senkten, den Rosenkranz beteten und um göttliche Einsicht und Gnade bäten«. Der solches verzapft, zählt zu den Promis der an Zahl schwachen Petition pro Ecclesia, einem Gegenpapier zur Erklärung Kirche 2011. Matussek will mehr lateinische Messen und Marienandachten.
Auf der anderen Seite ergreifen viele zumeist mitgliederstarke Vereinigungen für die Theologen und Kirche 2011 Position: so der Katholische Deutsche Frauenbund, die Katholische Frauengemeinschaft, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, die Diözesanräte der Bistümer Hildesheim, Münster, Würzburg, das Forum Hochschule und Kirche (Hochschulpastoral), die Bundesfachschaft katholische Theologie, der Bund der Deutschen Katholischen Jugend und viele mehr. Priester starten, wie auch die Religionslehrer, eigene Unterschriftenaktionen. Allein im Erbistum Freiburg unterzeichnen über 200 Priester und Diakone.
Die Deutsche Bischofskonferenz übrigens hat am Tag eins der Resolution besonnen reagiert: Sie lädt zum Gespräch ein.
