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»China, bitte schalte einen Gang herunter«

China ist ein Land im Umbruch: Viele Chinesen sehnen sich nach einem Leben jenseits von »schneller, höher, weiter«. Und blicken dabei nach Europa
von Kristin Kupfer vom 23.08.2012
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Tanz in Schanghai: Toleranz und Traditionen werden von den Menschen neu entdeckt (Foto: istockphoto/photomorphic)
Tanz in Schanghai: Toleranz und Traditionen werden von den Menschen neu entdeckt (Foto: istockphoto/photomorphic)

In China schläft, isst und gesundet man zu genau 62 Prozent.« Mit diesem kryptischen Satz spotteten mitten im heißen Sommermonat August Millionen von chinesischen Internetnutzern auf nahezu allen großen Webportalen des Landes. Warum? Sie wollten ihre Meinung zum jüngsten offiziell gemeldeten Zahlenzauber kundtun.

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Der geht so: Auf einem Index zur »Messung des Wiederaufstiegs des chinesischen Volkes« habe die Volksrepublik nun die 62-Prozent-Marke erreicht, gab Yang Yiyong, Chefökonom am Institut für Sozialentwicklung, der mächtigen Entwicklungs- und Reformkommission, bekannt. Bei der Einnahme von Eiweiß und der Einkommensgerechtigkeit sieht Yang nach seinen Berechnungen noch am meisten Aufholbedarf. Doch Chinas Öffentlichkeit sieht vor allen Dingen Erklärungsbedarf: Welcher Wiederaufstieg? Was für Messungen?, fragten sogar einige von Chinas Staatsmedien zweifelnd. Wie berechnend und wie bitter, spotteten viele Internetbenutzer halb belustigt, halb empört.

Wachsender Zweifel an Rekordzahlen

Chinas Bevölkerung entzaubert die Wertmaßstäbe ihres Landes. Egal, ob Supersportmacht, Exportweltmeister oder Devisenreservenkaiser: Immer mehr Chinesen zweifeln an Rekordzahlen als Maßstab ihres Lebensglücks. In den letzten Monaten haben öffentliche Debatten nahezu jeden offiziell propagierten Rekord entwertet. Im staatlichen Jubel über den olympischen Medaillenregen tauchte im chinesischen Internet plötzlich die Frage auf, wie viele Steuergelder das chinesische »Großmacht-Sportsystem« denn für die Medaillenschmiede ausgebe. Während die enormen ausländischen Devisenreserven des Landes immer wieder hervorgehoben werden, fragt die chinesische Ökonomin He Qinglian, wem die Reserven denn überhaupt wirklich gehören: der chinesischen Bevölkerung, der chinesischen Regierung, ausländischen Unternehmern oder gar dubiosen Spekulanten?

»Wir liefern messbaren Wohlstand, dafür bewahrt ihr politisches Stillschweigen.« Dieser stillschweigende Pakt zwischen Regierung und Bevölkerung – entstanden nach der gewaltsamen Niederschlagung der Demokratiebewegung im Frühjahr 1989 – ist brüchig geworden.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Die grassierende Inflation und ein marodes Finanzsystem entwerten hart verdientes Geld der bis dato wachstumsverwöhnten urbanen Mittelschicht. Sogar die absolut Wohlhabenden können sich nicht vor allem schützen: weder vor politischem Missmanagement von Natur- und Umweltkatastrophen noch vor manipulierten und gepanschten Nahrungsmitteln. Und auch nicht gegen Unglücke in hypermodernen Hochgeschwindigkeitszügen, deren Ursache nie erklärt werden, wie bei jenem im Juli 2011. Wer es sich leisten kann, investiert deshalb in den USA oder Kanada und sichert sich so eine Greencard.

Bürger werden selbstbewusster und hinterfragen die Verhältnisse im Land

Doch selbst ins Ausland zu ziehen, dort Wurzeln zu schlagen fällt vielen schwer. Wohl auch darum werden sie immer selbstbewusster, hinterfragen die Verhältnisse im Land. Und wehren sich gegen die über Jahrzehnte praktizierte Zwangskollektivierung. Ihr Land mag zwar Exportweltmeister und Sportsupernation sein, aber das hat das Misstrauen gegenüber dem Kollektivbegriff »die Chinesen« nicht verringert – im Gegenteil. »Den Chinesen« schlägt Misstrauen entgegen. Man hält sie für Menschenrechtsverletzer, Industriespione und Leute, die die Welt aufkaufen. Weder im Ausland noch im Inland fühlen sich viele Chinesen wohlbehütet und wertgeschätzt. So ringen sie mit der Zukunft ihres Landes und ihrer eigenen Identität. Die aktuellen Debatten rund um das Thema Wertmaßstäbe zeichnen einmal mehr das Bild einer Gesellschaft im Umbruch.

Beeinflusst und gespiegelt werden diese Brüche auch durch die chinesische Regierung selbst. Der amtierende Staats- und Parteichef Hu Jintao sowie Premierminister Wen Jiabao hatten sich bei ihrem Amtsantritt 2002 durchaus moralische Wertmaßstäbe und Orientierungen auf die Fahnen geschrieben. Nun treten sie im Herbst dieses Jahres auf dem 18. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas zurück und werden durch sorgfältig ausgewählte Nachfolger ersetzt.

Zunehmende Machtwillkür von Parteikadern

Dass Hu und Wen mit ihren Moralappellen scheitern mussten, liegt nicht nur an der zunehmenden Machtwillkür von Parteikadern aufgrund mangelnder unabhängiger Rechtsstrukturen und an einer bewusst entfesselten, da politisch betäubenden Konsumkultur. Politik ist auch im Ein-Parteien-Staat China längst zu einem programmatischen Ringen um Wertorientierungen geworden.

Bereits 2006 hatten Hu Jintao und Wen Jiabao das Konzept der »universellen Werte« ins Spiel gebracht, wobei dieses zunächst – ähnlich der offiziellen Interpretation von Menschenrechten – als »universeller Rahmen mit den nationalen Gegebenheiten entsprechender Ausprägung« kommuniziert wurde. Demokratie, Rechtsherrschaft, Freiheit, Menschenrechte und Brüderlichkeit seien keine kapitalistischen Werte, sagte Wen, sondern Werte der ganzen Menschheit. Auch die chinesische Bevölkerung strebe nach diesen Vorstellungen, so Wen weiter.

Seit Ende 2008 haben sowohl nationalkonservative wie linke Intellektuelle aus der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften und der Pekinger Volksuniversität eine Welle der Kritik am Konzept universeller Werte lanciert. Diese »universellen Werte« seien Vorstellungen des Westens und stellten eine Herausforderung für den Sozialismus dar. Man solle sich nicht in blinder Bewunderung ergehen und einer Verwestlichung Chinas Vorschub leisten, sondern sich auf die nationale Würde und das nationale Selbstvertrauen besinnen, sagt beispielsweise Chen Kuiyuan, Direktor der Akademie für Sozialwissenschaften.

Freunde, die sonst keiner haben will

Worin das nationale Selbstvertrauen besteht, ist umstritten wie nie zuvor. Chinas »Soft Power«-Politik mit einem Arsenal an 280 Konfuzius-Instituten in 88 Ländern weltweit und nahezu unbegrenzten Mitteln für Sprachstipendien, Teezeremonien und Kung-Fu-Kursen sei gescheitert, erklären Kulturkritiker wie Cheng Meixin oder Wang Shibao und auch Parteiforscher wie Xiao Xinhuang. Abgesehen davon, dass Konfuzius nicht unbedingt die gesamte chinesische Kultur verkörpere, seien solche Aktivitäten sinn- und wertlos.

Es sei Ausländern nicht zu verdenken, wenn sie die chinesische Kultur auf die Sprache Chinesisch als Instrument zum Geldverdienen reduzierten, meinen die Intellektuellen. Die chinesische Gesellschaft selbst lebe solche Maßstäbe ja vor. Eine moderne chinesische Kultur brauche pluralistische Debatten und intellektuelle Toleranz, so die Kritiker.

Mancher geht noch einen Schritt weiter. Die Volksrepublik müsse aufpassen, sich die wenigen guten Beziehungen, beispielsweise zu den südostasiatischen Staaten, nicht ganz zu verderben, warnte im Mai dieses Jahres sogar Chinas Vize-Außenminister Dai Binguo. Der Hintergrund: Einige Kader, vorrangig Militärvertreter, haben mit provokanten Äußerungen ein verschärftes Säbelrasseln im Südchinesischen Meer provoziert. China, Vietnam und die Philippinen ringen dort um territoriale Zugehörigkeiten und Ressourcen.

Warum gibt es in Chinas Nachbarschaft eigentlich so wenig Länder, die der Volksrepublik freundlich gesinnt sind, fragte der bekannte Ökonom und Kolumnist Yao Shujie im Frühsommer in der Zeitschrift Caijing. Und warum hat China »Freunde«, die ansonsten keiner haben will: Nordkorea, Iran oder Syrien. Yao beantwortet die Frage selbst: weil China anders als beispielsweise die USA keine wirklich verlässlichen Bündnispartner hat. Denn eine Bündnispartnerschaft lasse sich nur auf der Basis gemeinsamer Werte aufbauen, argumentiert Yao weiter. China sei sich aber nicht einmal sicher, auf welchen Werten die eigene Gesellschaft – jenseits von ökonomischen Messgrößen – beruhe.

»China, wenn du zu schnell bist, lässt du die Seelen deiner Bewohner zurück«

Diese Unsicherheit fasste ein Nachrichtenmoderator des staatlichen Fernsehsenders CCTV, Qiu Qiming, nach dem Unfall eines Hochgeschwindigkeitszuges im Juli 2011 in ungewöhnlich mutiger Manier in Worte. »Wenn keiner sicher sein kann, wollen wir wirklich diese Geschwindigkeit?«, fragte Qiu. Und weitere Anspielungen folgten: »Können wir ein Glas Milch trinken, das sicher ist?« – eine Anspielung auf den Melamin-Milchskandal im Sommer 2008. »Können wir in Häusern wohnen, die nicht zusammenbrechen?« – ein Anspielung auf den plötzlichen Einsturz eines gerade fertig gebauten, aber noch nicht bezogenen dreizehnstöckigen Wohnblocks in Schanghai im Juni 2009. »China, bitte schalte einen Gang herunter. Wenn du zu schnell bist, lässt du womöglich die Seelen deiner Bewohner zurück.« Dieses Zitat ist im Juli dieses Jahres, als in Peking im Zuge schwerer Regenfälle mindestens 78 Menschen gestorben sind, in Internetforen neu belebt worden.

Auf der Suche nach Halt in einem Land des Turbokapitalismus wird es darum gehen, ob Chinas Bürger ihre eigene Tradition neu entdecken, möglicherweise neu interpretieren und mit anderen Wertvorstellungen verknüpfen können und mögen. Trotz der politisch geförderten Konsumkultur ist es weniger das Problem egoistischer Selbstverwirklichung oder pseudo-toleranter Beliebigkeit, welches die Suche nach die Gesellschaft verbindenden Werten in China so schwierig macht. Es sind vor allem die Unsicherheiten und Unzufriedenheiten, die das politische System verursacht. So fällt es vielen schwer, die Frage nach moralischer Orientierung und national einigenden Werten von der Frage nach politischen Reformen zu trennen. In autoritären Regimen haben Bürgerfragen nach Moral selten eine Chance.

Das Land blickt in der Wertedebatte immer auch zum Westen

Einiges wird auch davon abhängen, wie die westlichen Industrieländer ihre momentane Wirtschafts- und Wertekrise meistern. Der Westen ist in chinesischen Wertedebatten eine beständige und wichtige Referenz. In europäischen Gesellschaften ist angesichts drängender Probleme und zäher, intransparenter politischer Prozesse die Gefahr groß, scheinbare Effizienz zulasten demokratischer Strukturen zu fordern. Doch gerade angesichts von Ländern wie der Volksrepublik China gilt es – auch aus Solidarität mit der suchenden chinesischen Bevölkerung – die Ideale Europas – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – im Rahmen demokratischer Strukturen neu zu beleben und glaubwürdig zu bewahren.

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Personalaudioinformationstext:   Kristin Kupfer ist promovierte Sinologin, hat mehrere Jahre in China gelebt und von dort für den Evangelischen Pressedienst, die Zeit und die taz gearbeitet. Sie ist mit einem Chinesen verheiratet.
Schlagwörter: China Europa
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