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Bildung statt Bologna!

Der Hamburger Universitätspräsident Dieter Lenzen ist unzufrieden mit den Ergebnissen der europäischen Studienreform, die unter dem Namen »Bologna« bekannt ist. Er fordert im Interview: »Es muss sich dringend etwas ändern!« Die Titelgeschichte im neuen Publik-Forum
von Barbara Tambour , Eva Bucher vom 19.11.2014
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Bildung: Was ist das eigentlich genau? Darüber streiten Hochschulprofessoren nicht erst seit dem Bologna-Prozess. (Foto: pa/Woitas)
Bildung: Was ist das eigentlich genau? Darüber streiten Hochschulprofessoren nicht erst seit dem Bologna-Prozess. (Foto: pa/Woitas)

Publik-Forum: Herr Prof. Lenzen, wann haben Studenten im Studium mehr gelernt: Ende der 1960er-Jahre, als Sie studiert haben? Oder heute, 15 Jahre nach Beginn der Europäischen Studienreformen, die unter dem Namen »Bologna-Prozess« bekannt sind?

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Dieter Lenzen: Es geht nicht um mehr oder weniger, sondern darum, wie sie gelernt haben. Die Idee des Studiums in den 1960er- und 1970er-Jahren war, zu sagen, dass der junge Mensch selber wählt aus den großen Möglichkeiten des Angebots. Heute haben wir einen ganz anderen Zugang. Weil das ganze Prüfungsgeschehen nun studienbegleitend stattfindet, wurden immer mehr standardisierte Sachverhalte in den Lehrplan eingebaut, damit man vergleichbare Prüfungen und vergleichbare Ergebnisse hat. Die Studiengänge orientieren sich an Inhalten, die vergleichbar und messbar sind. Einheitlichkeit läuft aber dem Grundgedanken allgemeiner Bildung zuwider. Denn Bildung heißt Herausbildung einer mit sich – und nicht mit allen anderen – identischen Persönlichkeit.

Sie kritisieren das Bologna-System. Was ist falsch daran?

Lenzen: Der Kern des Problems besteht darin, dass man die angloamerikanische Vorstellung von Bildung und Ausbildung nach dem Schulabschluss auf unsere Universitäten übertragen hat. Und dabei übersehen hat, dass wir in Deutschland – im Unterschied zu den USA und zu Großbritannien – ein gut funktionierendes System von Berufsschulausbildung für Handwerksberufe, medizinisch-technische Berufe und andere haben. Was bei uns im dualen System stattfindet, hat in Großbritannien seinen Ort an Colleges und Universitäten. Das englische System hat mit unserem wissenschaftlich geprägten Universitätssystem mit Ausnahme ganz weniger Universitäten – Cambridge, Oxford und ein paar anderer – überhaupt nichts zu tun. Im englischen System studiert der Surf Manager, der ausgebildet wird, um Surfbrett-Kurse am Strand anzubieten, am College.

Ziel der Bologna-Reform war es, international akzeptierte Abschlüsse zu schaffen, die Qualität zu verbessern und mehr Beschäftigungsfähigkeit zu vermitteln. Klingt doch gut. Was ist schiefgelaufen?

Lenzen: Ziemlich viel: Man hat versäumt, über den europäischen Tellerrand hinauszuschauen. Mit der Folge, dass europäische Bachelor-Absolventen an US-amerikanischen Universitäten in der Regel keinen Master belegen können, weil dort der Bachelor acht Semester dauert, in Europa aber nur sechs Semester. Bologna-Abschlüsse sind also nicht international, sondern nur europäisch. Und es ist eine Sparvariante geworden. (...)

Hat aber das frühere, persönlichkeitsbildende Konzept des Universitätsstudiums nicht viele überfordert? Und was ist daran schlecht, wenn sich heutige Studiengänge stärker an den Anforderungen des Arbeitsmarkts und der Berufswelt orientieren? Auf diese und weitere Fragen antwortet Dieter Lenzen im Interview im neuen Publik-Forum. Es erscheint am Freitag, 21. November.

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