Anders wachsen, jetzt!
So kann es nicht weitergehen. Wenn Chinesen, Inder, Brasilianer, Indonesier, ja alle Erdenbürger so produzieren, arbeiten und leben wie US-Amerikaner oder Deutsche, dann bedeutet dies »das Ende der Welt, wie wir sie kannten«. So lautet der Titel eines Buches des Sozialpsychologen Harald Welzer und des Politikwissenschaftlers Claus Leggewie. Es beschreibt eindrucksvoll die drohende Entwicklung: Die globale Verbreitung des industriellen Turbokapitalismus heizt das Klima auf. Jeder Quadratmeter Natur wird auf der Suche nach knappen Rohstoffen umgepflügt. Die globale Zerstörung schreitet voran. Um diese zu verhindern, fordern Wachstumskritiker seit Langem eine Wirtschaftsweise jenseits des »Immer-mehr«, eine Postwachstums-Ökonomie.
Eine Zeit lang hatte man den Eindruck, diese Botschaft wäre auch bei den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft angekommen. »Dies ist die erste globale Krise, die die freiheitliche und soziale Wirtschaftsordnung bedroht«, schrieb Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble nach Ausbruch der Finanzkrise 2008. »Deshalb können wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir brauchen eine nachhaltige Wirtschaftspolitik.«
Doch längst sind sie wieder zur Tagesordnung übergegangen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel setzt mehr auf Kohle als auf erneuerbare Energien. Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht in einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA »einen Riesenschritt zu mehr Wachstum und neuen Arbeitsplätzen« – die Kosten spielen offenbar kein Rolle.
Die Europäische Zentralbank pumpt mehr als tausend Milliarden Euro in die Märkte, damit Europa endlich wieder wächst. Und längst sind auch Kapital, Arbeit und die Verbraucher auf den Wachstumszug aufgesprungen. Viele Unternehmer fordern Steuersenkungen. Die Gewerkschaften setzen wieder auf Lohnerhöhungen. Und so mancher Verbraucher frönt wieder dem Wegwerfkonsum. Der Glaube des letzten Jahrhunderts feiert fröhlich Urständ: Mehr produzieren, mehr arbeiten, mehr kaufen – und alles wird gut.
Das wird es nicht. Natürlich gibt es noch immer Menschen, die Not leiden – und es gibt Bereiche wie Bildung, Gesundheit oder Umweltschutz, die wachsen müssen. Doch eine Wachstumspolitik um jeden Preis löst diese Probleme nicht. Im Gegenteil. Die Wirtschaftswissenschaftler Hans Diefenbacher und Ronald Zieschank haben nachgewiesen, dass die Kosten des Wirtschaftswachstums längst höher sind als sein Nutzen. Denn: Der Zuwachs wird ungleich verteilt und zehrt dabei die endlichen Ressourcen auf. Zulasten künftiger Generationen und der Natur.
Deshalb braucht es eine Wende: Notwendig ist der Einstieg in eine Postwachstums-Ökonomie, die die Lebensqualität der Menschen unter gerechten Bedingungen für alle verbessert – und dabei so wenig endliche Ressourcen wie möglich verbraucht. Nur dann werden auch künftige Generationen noch in Würde leben können, in Deutschland und weltweit.
Vier Schritte führen in diese Postwachstums-Gesellschaft, in der es sich zu leben lohnt. Lesen Sie, wie diese Schritte heißen und wie wir sie gehen können – in der aktuellen Ausgabe von Publik-Forum!
