Ab in die Krippe!
Soviel Beifall war selten. Kaum hat das Bundesverfassungsgericht heute seine Entscheidung bekannt gegeben, jubeln die Gegner des Betreuungsgeldes. Es sei schließlich eine »unsinnige und teure Maßnahme«, wettert Katrin Göring-Eckardt, die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, eine »bildungspolitische Katastrophe«, die Kinder »vom gemeinsamen Spielen und Lernen« abhalte.
Auch die Diakonie begrüßt die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes. Damit sei ein »bildungspolitischer Irrweg« beendet, betont Maria Loheide vom Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland. Das Betreuungsgeld setze falsche Anreize für Familien mit geringem Einkommen oder mit Migrationshintergrund. Kinder, »die in ihrer Entwicklung intensiver gefördert werden müssen« bräuchten öffentlich geförderte, frühkindliche Bildungsangebote.
Einhelliger Beifall
Ebenfalls zustimmend, wenn auch etwas verhaltener, äußerte sich Caritas-Präsident Peter Neher: »Betreuungsgeld oder Kita – vor diese Entscheidung sollte man Eltern nicht stellen.« Er gibt zu bedenken: »Wir befürchten jetzt allerdings, dass da wichtige Anliegen, Familien mit kleinen Kindern in besonderer Weise zu unterstützen, unter den Tisch fällt.«
Diese Sorge ist berechtigt. Denn das Bundesverfassungsgericht hat rein formalistisch entschieden: Dem Bundesgesetzgeber »fehle die Gesetzgebungskompetenz für das Betreuungsgeld«, sagte der Vorsitzende des Ersten Senats, Ferdinand Kirchhof. Das höchste deutsche Gericht hat somit keine Aussage darüber gemacht, wo Kinder wie am besten gefördert, erzogen oder gebildet werden, und schon gar nicht hat es dem Bund aufgetragen, das eingesparte Geld sofort in bessere Kitas zu investieren, was die Gegner des Betreuungsgeldes gerne hätten.
Gute Argumente gegen das Betreuungsgeld
Tatsächlich haben die Gegner des Betreuungsgeldes gute Argumente: Es ist viel zu niedrig, um eine echte Wahlfreiheit zu ermöglichen und Müttern – Väter nehmen es ohnehin kaum je in Anspruch – eine Auszeit vom Beruf zu erlauben. Es ist zudem sozial ungerecht. Denn wohl situierte Familien kommen auch ohne die 150 Euro monatlich über die Runden, Geringverdienenden oder gar Alleinerziehenden dagegen hilft es nicht: Die müssen arbeiten gehen, sobald der Nachwuchs ein Jahr alt ist und das Elterngeld ausläuft. Das Betreuungsgeld ist gut gemeint – und schlecht gemacht, keine Frage. Trotzdem erstaunt die vehemente und nahezu einhellige Ablehnung, die sich auch in diffamierender Wortwahl wie »Herdprämie« ausdrückt.
Ist der Wunsch, mit Kindern möglichst lange möglichst viel Zeit zu verbringen, tatsächlich so absurd wie die Lobeshymnen auf »öffentlich geförderte frühkindliche Bildung« glauben machen? Ist ein Eltern-Lebensentwurf, der es Kindern erlaubt, das Tempo ihres Selbständigwerdens selbst zu bestimmen, nicht förderungswürdig?
Gute Argumente für Eltern-Nähe zum Kleinkind
Anscheinend ist er es nicht. Wie sonst ließe sich die Blauäugigkeit erklären, mit der dem Krippenbesuch ausschließlich positive Effekte zugeschrieben werden. »Bildung«, Förderung«, »Sprachkompetenz«, »Integration« – es sind viele wohlklingende Vokabeln, die bemüht werden, um zu beschreiben, was den armen zu Hause betreuten Kindern angeblich entgeht. Gleichzeitig häufen sich Berichte darüber, dass genau diese erwünschten Effekte gar nicht so sicher eintreten. Dass die Betreuer sich um viel zu viele Kinder kümmern müssen. Dass die langen Öffnungszeiten längst Schichtdienste nötig machen. Dass die Kommunen mittlerweise Kitas ohne Außengelände oder auch mal im Dachgeschoss genehmigen. Dass die Einrichtungen wegen des Fachkräftemangels inzwischen fast jeden und jede einstellen. Und dass mitunter griechische und spanische Einwanderer türkisch- oder arabischstämmigen Kindern Deutsch beibringen sollen ...
Blauäugige Vorstellungen
Wären die Kitas so gut, wie sie sein müssten, um all das zu leisten, was sie angeblich leisten sollen, dann könnte sie schlicht niemand bezahlen. Das ist die traurige Tatsache.
Was in den Politikerreden so blumig klingt – »Gemeinsam spielen und lernen« – bedeutet im Alltag für nicht wenige Kinder Stress, Enge und mitunter sogar Zwang. Es ist in der Öffentlichkeit viel die Rede von überforderten Eltern. Es ist aber wenig die Rede von den durchaus auch überforderten Erziehern und Erzieherinnen. Unerfreuliche Vorfälle, die das heile Krippenweltbild trüben könnten, werden selten berichtet und verschwinden in der Regel als kleine Meldung zwischen den vermischten Nachrichten.
Wer fragt eigentlich mal die Kinder?
Leider gibt es in der öffentlichen Diskussion wenig kritische Stimmen, die sich tatsächlich aus Sicht der Betroffenen – nämlich der Kinder – zu Wort melden. Klar, einzelne Frühpädagogen oder Psychologen warnen gelegentlich vor den zu großen Gruppen. Aber sie schaffen es nicht, den gesamtgesellschaftlichen Konsens zu stören, der mittlerweile lautet: Sobald Kinder laufen können und die ersten Worte sprechen – also mit einem Jahr –, sind sie am besten in der Krippe aufgehoben.
