Total verluthert
Ich habe diesen Sommer mehrere Monate lang in Wittenberg verbracht. Auf der »Weltausstellung Reformation«. Das war großartig, aber bei gefühlt fünfhundert Gesprächen am Tag auch echte seelische Schwerstarbeit. Sprich: Als ich vor ein paar Wochen nach Hessen zurückkehrte, fühlte ich mich eigentlich reif für eine mehrmonatige Reha auf den Äußeren Hebriden mit anschließendem Wiedereingliederungsprogramm in einer möglichst dunklen Whiskybar. So erschöpft war ich.
Tagelang bin ich nur noch wie ferngesteuert durch unser Haus geschlichen – halb paralysiert, dahinvegetierend oder in Trance – oder lag in einer Art Dämmerzustand auf der Couch, wo ich zögerlich versuchte, mich an meinen Namen zu erinnern. Wenigstens an den Vornamen. Und in einem dieser nebligen Momente ist es dann passiert: Ich hatte einen Traum. Oder eine Imagination. Oder einen Tagmahr – wie man früher vermutlich auch nicht sagte. Wie dem auch sei: Plötzlich tauchten vor meinem inneren Auge Bilder auf, und siehe ... da war diese Vision, die ich der Welt nicht vorenthalten kann. Hier ist sie!
Alle Zeitungen verkünden frohgemut die Sensation: Das Original von Luthers Thesen wurde gefunden. Endlich! Ja, das eng beschriebene Blatt, das der Reformator in Wittenberg persönlich an die Kirchentür geschlagen hat. Es lag auf einem staubigen Speicher. Von nun an müssen alle Zweiflerinnen und Zweifler ein für alle Mal demütig zu Kreuze kriechen.
Denn die wissenschaftlichen Untersuchungen sind eindeutig: Grafologen konnten die Schrift als die Luthers identifizieren. Dendrologen wiesen nach, dass die Holzreste an den noch dabeiliegenden Nägeln eindeutig zum ehemaligen Torflügel der Schlosskirche gehören. Und die forensischen Daktyloskopen fanden am Rand des Dokuments einen gut erhaltenen Fingerabdruck, der nach einer raschen Exhumierung seiner sterblichen Überreste mit 97,4-prozentiger Sicherheit als der Luthers gilt.
Ja, mehr noch: Eine DNA-Analyse von Blutspuren auf einem der Nägel zeigt nicht nur, dass dieses Blut zu Luther gehört, sie beweist zugleich, dass sich der Herr Professor beim Annageln seiner Thesen mindestens einmal kräftig auf den Finger gehauen hat. Unglaublich!
Das Jubiläum muss noch mal gefeiert werden
Doch das ist nicht die eigentliche Sensation. Als Datum steht nämlich auf dem Thesenblatt klar und deutlich: 31.10.1519. Ja: 1519. Und das heißt: Alles, was dieses Jahr veranstaltet wurde, gilt nicht. Das Reformationsjubiläum muss noch mal gefeiert werden!
Wie gesagt: Es war nur eine Vision. Als ich schweißgebadet wieder zu mir kam und meiner Familie davon erzählte, rollten die Kinder schweigend mit den Augen. Meine Frau allerdings bekam einen sehr lauten Wutanfall. »Dann zieh doch gleich nach Wittenberg«, war ihr letzter verständlicher Satz, bevor sie Türen schlagend den Raum verließ. Unsere Versöhnung war – vorsichtig formuliert – nicht so ganz einfach. Deshalb habe ich ihr auch noch nicht gesagt, was mir später dazu einfiel:
Also, wenn 2017 nur die Generalprobe gewesen wäre, wenn man aus all den gemachten Erfahrungen lernen und 2019 dann ein noch viel stimmigeres Fest gestalten würde – dann könnte das zum Beispiel ein Fest sein, in dem man viel mutiger fragt, welche Erneuerung die Kirche heute braucht. Denn das scheint mir bei allem Lobpreis der wiederentdeckten Gnade und der reformatorischen Freiheit ein bisschen zu kurz gekommen zu sein.
Seither habe ich mit vielen Leuten darüber gesprochen, wie wir 2019 wohl feiern würden. Sehr spannend, was da für Vorschläge kamen! Nur einer sagte spontan: »Was für ein Albtraum!« Was denken Sie?
