Schlechte Nachrichten
Publik-Forum: Frau Beierlein, die Welt ist derzeit voller brutaler Kriege: Israel und Gaza, die Ukraine, Syrien, Irak. Wir sitzen vor dem Fernseher, lesen die Zeitung und werden täglich zu Zeugen des Grauens. Was lösen diese Bilder bei uns Menschen aus?
Constanze Beierlein: Die erste Reaktion auf all diese Schreckensnachrichten und Bilder ist oft eine diffuse Gemengelage von Mitgefühl, Ohnmacht, Ratlosigkeit, Verzweiflung und Abwehr. Sogar Menschen, die grundsätzlich eine klare pazifistische Haltung haben, fühlen sich jetzt manchmal orientierungslos, weil sie nicht mehr sicher sind, ob die unschuldigen Opfer – etwa im Irak – ohne Waffengewalt aus ihrer dramatischen Situation befreit werden können. Nicht wenige Menschen machen sich aber auch Gedanken über die eigene Situation, sie haben Angst vor persönlichen Folgen (...)
Rupert Neudeck, der Gründer der Hilfsorganisation »Cap Anamur«, hat kürzlich erklärt, dass Hilfsorganisationen sich keine Verzweiflung leisten könnten. »Verzweiflung ist eine Luxushaltung für einen Humanitären«, sagt er. Sehen Sie das auch so?
Beierlein: Eine Luxushaltung? Das ist sehr hart gesagt. Ich gestehe Rupert Neudeck zu, dass er das für sich so proklamiert und empfindet. Aber es gibt aus meiner Sicht auch so etwas wie ein Recht auf Verzweiflung: Menschen, die sich engagieren, verausgaben und Niederlagen erleben, dürfen verzweifelt sein. Es kann aber aus der Verzweiflung hinausführen, wenn man exakt realisiert, wo die Verantwortung für eine humanitäre Katastrophe liegt: Dass man nicht selbst die Schuld für alles Grauen der Welt trägt. In solchen Fällen ist es hilfreich, genau zu unterscheiden: Wo habe ich Einfluss? Was kann ich selber ändern? Und was nicht? Solange wir uns alleine mit diesen Problemen auseinandersetzen, erscheinen sie weiterhin übermächtig. Kollektives Handeln ist gefragt, es stärkt die Kompetenzwahrnehmung und das Kompetenzerleben und hilft auch gegen Verzweiflung.
Wie können Menschen sich für den Frieden engagieren ohne auszubrennen?
Beierlein: Indem sie ihre Aufgaben bewusst wählen. Wenn ich mich für ein ganz bestimmtes Problemfeld, ein Projekt oder eine Organisation entscheide, kann ich dort effektiver und zielgerichteter sein, als wenn ich von einer Demo zur anderen, von einer Aktion zur nächsten laufe (...) Wenn ich mich auf wenige Aufgaben konzentriere, kann ich dort auch Teilerfolge erleben und muss mich nicht völlig aufreiben. Dadurch kann ich auch mit mir selber achtsam sein: Der Mensch, für den ich mich engagiere ist nicht wertvoller als ich selbst. Ein Über-Ich, das mich denken lässt, ich sei für alles Leiden in der Welt allein verantwortlich, führt zu Überforderung und falschen Schuldgefühlen. Das ist kontraproduktiv.
Darf ich mich also trotz all der Kriege heute in die Sonne setzen und Eis essen?
Beierlein: Ja, sicher, sie müssen sogar! Wir brauchen schöne Momente, Glück und Entspannung, um uns die Freude am Leben zu erhalten. Das sind Ressourcen, die dann auch wieder der politischen und humanitären Arbeit zugute kommen. Jetzt, wo Sie das fragen, fallen mir zwei Männer ein, Mitstreiter in einer linken politischen Gruppe, in der ich früher einmal war: Der eine hat fast sein ganzes Leben für die Politik gearbeitet. Man hatte den Eindruck, er habe keinen anderen Lebensinhalt, keine Hobbys und würde sich keine Gelegenheit zum Ausruhen erlauben. Das hatte natürlich Auswirkungen auf seine sozialen Beziehungen.
Und der andere?
Beierlein: Der andere Mann war ebenfalls hochgradig engagiert. Aber nebenbei ging er gerne tanzen, er war oft auf Konzerten, verbrachte Zeit mit seinen Freunden. Und ich hatte immer den Eindruck, dass es viel schöner und zufriedenstellender war, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Das vollständige Interview mit Constanze Beierlein lesen Sie in der Printausgabe von Publik-Forum (16/2014), die am Freitag, 29. August, erscheint.
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