Menschen auf der Flucht
Fremdsein im Land, auf der Flucht sein, Opfer sein, Angst haben und doch ganz neu anfangen müssen – das ist ein dunkler Grundton des Lebens gerade auch auf dem alten und lange sehr unfriedlichen Kontinent Europa.
Wie viele Familien tragen Geschichten von Flucht und Vertreibung in sich, von Erbarmen und Rettung, weitergegeben von Generation zu Generation – vielleicht sogar nur halbbewusst? Lassen sich doch die Traumata der Eltern nicht nur in manchen Angststörungen der Kinder wiederfinden, sondern sogar als Veränderungen im Erbgut nachweisen. Kein Wunder, dass die aktuellen Bilder von Flüchtlingen vielen das Herz aufreißen.
Dass die Menschen auf der Flucht die europäische Seele so tief treffen, hatte am Anfang niemand vermutet. Europa wurde und wird sich gerade dadurch seiner selbst neu bewusst. Menschen fliehen zu uns, weil sie erwarten, hier menschlich behandelt zu werden. Das fordert auch Antworten von Menschen, die sich dem Christentum verpflichtet fühlen. Die Frage, was »christlich« ist, muss durch die Schicksale der Flüchtlinge noch einmal ganz aktuell beantwortet werden.
In Deutschland ist zu beobachten, dass immer noch auf beeindruckende Weise den Geflüchteten geholfen wird. Undogmatisch und ehrenamtlich. Und zugleich wurde genau das, was diese Menschlichkeit ausmacht, die guten Taten über die eigenen Familienbande hinaus, als naiv bezeichnet und lächerlich gemacht. Flüchtlingshelfer werden beschimpft und Bischöfe bekommen Morddrohungen.
Wer flüchtet, muss alles, was er kennt und liebt, hinter sich lassen, um Leib und Leben zu retten. Flucht ist die allerletzte Rettung vor Krieg, Folter, Hunger und Tod. Wer auf der Flucht ist, will woanders ankommen, in der Fremde wieder einen Alltag leben dürfen. Arbeiten, Geld verdienen, gestalten, lachen und lieben.
In diesem EXTRA berichten Menschen von ihren Fluchterfahrungen. Ob es jemand ist, der als Kind aus Ostpreußen fliehen musste, oder ob es jemand ist, der als Kind aus Somalia fliehen musste. Sie lassen uns fragen: Wer sind »wir« und wer sind »die anderen«? Steht es uns überhaupt zu, von »denen« zu sprechen? Ihre Geschichten bringen uns auf die Spur, dass es so etwas gibt wie den Flüchtling in uns, sie führen uns zu dem Fremden, der in uns wohnt. Sie lehren uns, den Reichtum der anderen zur Kenntnis zu nehmen und uns daran zu erfreuen. Wer nur sich selbst kennt, kennt sich nicht. Man erkennt das eigene Gesicht nur an den fremden Gesichtern. Sie erzählen uns die menschliche Urgeschichte vom Fliehen, Suchen und Finden.
