Master Han Shan
Ganz ruhig sitzt Master Han Shan mit ineinander verschränkten Händen auf seinem Stuhl. Er wippt nicht mit den Füßen, er gestikuliert nicht mit den Händen, in seiner freundlichen Stimme klingen weder Ärger, Aufregung oder Anspannung mit. Seine klaren Augen blicken hellwach und sehr konzentriert. Seine Aufmerksamkeit scheint ganz in diesem Augenblick verankert. Die Vergangenheit – ist vergangen! Und die Zukunft ist nicht mehr als ein unbekannter Raum, den er in keinem Moment – auch nicht in diesem – betreten kann. Wo soll er also sein, wenn nicht im Hier und im Jetzt?
Ein lebensbedrohlicher Augenblick
Szenenwechsel: Am 3. März 1995 ist Hermann Ricker aus Hessen nachts mit seinem Jaguar in Malaysia unterwegs. Sein Auto kollidiert mit einem plötzlich ausscherenden Laster. Der Sportwagen überschlägt sich und landet kreiselnd auf dem Dach. Die Welt dreht sich um den hilflos in seinen Gurten hängenden Deutschen, er hört Metall bersten, Glas splittern, und er riecht das Blech, das sich auf dem Asphalt abreibt. Als das Fahrzeug endlich stillliegt, kriecht der damals 45-Jährige unverletzt aus dem Heckfenster seines zerstörten Wagens. Hermann Ricker steht am Straßenrand und realisiert zum ersten Mal, dass auch sein Leben endlich ist – und dass er dieser Begrenztheit gerade sehr nahe war. Mit Gewalt stürmt ein einziger Gedanke auf ihn ein: All sein Besitz bedeutet jetzt – im Angesicht des Todes – weniger als nichts.
Unternehmer mit Leib und Seele
Hermann Ricker ist ein umtriebiger Unternehmer, dessen Firma in ihren besten Tagen 33 Millionen Dollar Umsatz im Jahr macht. Bereits mit 23 Jahren kehrt er seiner hessischen Heimat den Rücken und wandert nach Singapur aus, um bei einer deutschen Firma anzuheuern. Fasziniert vom »kreativen Chaos« in der asiatischen Metropole, gründet er bereits fünf Jahre später sein eigenes Unternehmen für Präzisionsplastikspritzgussteile. In seiner luxuriösen Penthousewohnung wartet stets ein gepackter Koffer, weil Hermann Ricker morgens nie weiß, wo er abends landen wird. Der Deutsche ist Unternehmer mit Leib und Seele. Dabei treibt ihn weniger der Gedanke an persönlichen Reichtum an. Vielmehr liebt er das Verhandeln, den Deal an sich. Schon früh erkennt er, dass Vertrauen in Asien ganz wichtig ist, dass ein Handschlag ein Geschäft nachhaltiger besiegelt als ein Vertrag und dass ein Geschäft nur dann ein gutes ist, wenn beide Verhandlungspartner profitieren. »Das Geld«, sagt er, »war für mich immer nur ein Produkt, das ganz nebenbei entsteht, wenn man etwas unternimmt.« Penthouse, Jaguar, Jacht – die schönsten Nebensachen der Welt. Seine Firma ist seine Familie, sein Leben – bis zum 3. März 1995, als er neben seinem völlig demolierten Jaguar steht und ein völlig neues Gefühl von ihm Besitz ergreift: »All der Aufwand, die Hunderttausende von Stunden waren just in dem Moment, da der Laster auf dem Malaysian Highway ausgeschert war, nichts mehr für mich wert. Es war eine Show gewesen auf der Bühne des Lebens, eine große Illusion.«
Ricker verschenkt sein Unternehmen
Er steht am Straßenrand, und alle frühere Gewissheit, das Richtige zu tun, ist mit einem Schlag dahin. In seinem Körper spürt er ein unbekanntes Kribbeln, eine ungewohnte Distanz zu seinem Leben. Zurück in seinem Büro, ist seine dynamische Ausstrahlung dahin. Hermann Ricker zweifelt – und gibt auf. Von einem Tag auf den anderen verschenkt er sein Unternehmen an langjährige Mitarbeiter und seinen Besitz an soziale Einrichtungen. Er will keine Rückversicherung mehr, keine Hintertür, keinen Selbstbetrug. »Ich ahnte ja nicht, dass das Loslassen allen Besitzes so viel leichter war als das Loslassen der Gedanken und Gefühle, die mein Verstand unablässig fabrizierte.«
Hermann Ricker geht nach Thailand und wird buddhistischer Bettelmönch. Statt komfortabel in seinem Jaguar dahinzurasen, geht er in Sandalen über staubige Straßen. Statt in einer Penthousewohnung lebt er unter einem Moskitonetz auf einer einsamen Insel. Statt in einem bequemen Bett macht er es sich nachts auf einer Strohmatte »bequem«. Statt im Nobelrestaurant zu essen, lebt er von dem, was seine thailändischen Mitmenschen ihm in seine Almosenschale tun.
»Werden sie mir etwas geben?«
Als ein Fischer ihn zum ersten Mal zum Almosensammeln aufs Festland bringt, gehen Hermann Ricker tausend Gedanken durch den Kopf. Werden sie mir, dem verrückten Europäer-Mönch, überhaupt etwas geben? Mir, der ich mehr auf dem Konto hatte, als sie in ihrem ganzen Leben erarbeiten können? Trotz seiner vorauseilenden Gedanken ist er auf das, was er nun erlebt, nicht vorbereitet: »Ein Tuscheln aus vielen Dutzend Mündern schwoll an, Flüstern, Lachen, Staunen zugleich. Wie aus dem Nichts zauberten die Umstehenden ihre Gaben herbei. Reis, Eier, Fleischspießchen, Gebäck, Obst, Nüsse, Gemüse, alles landete in meiner Schale. Ich war überwältigt von so viel Herzlichkeit«, erinnert sich der Deutsche. »Ich war aufgewachsen mit dem Bibelspruch: Geben ist seliger denn Nehmen. Oft war ich Menschen begegnet, die sich scheuten zu nehmen. Nun begriff ich, dass es in diesem Kreislauf aus Geben und Nehmen auch darum geht, dem anderen die Möglichkeit zu eröffnen zu geben. Das Gefäß zu sein für das alte Gesetz des Universums – das Gesetz der Resonanz.«
Zwei Jahre bleibt der ehemalige Unternehmer auf der Insel. Moskitos, Blutegel und Ameisen unterhöhlen seinen Willen zur Konzentration, die ersehnte Ruhe will sich nur schwer einstellen. Lange Zeit trainiert der Phra Farang, der »Ausländermönch«, Achtsamkeit und meditative Vertiefung. »Wenn ich unter meinem Baum saß, spürte ich in meinen Körper hinein, ließ die Aufmerksamkeit von Kopf bis Fuß und wieder zurück zum Kopf wandern. Ich fühlte, wo die Robe meinen Körper bedeckte, spürte, wie meine Hände in meinem Schoß ruhten, wie meine Beine sich berührten, und gewahrte den Boden unter mir.«
Meditationen und Atemübungen
Die stetigen Meditationen und Atemübungen werden in einem langen Prozess für den ehemals rastlos Eilenden zu etwas nahezu Heiligem. »In gewisser Weise war ich ein Pionier. Ich folgte meinem eigenen Rhythmus des Erkennens, suchte mir einen Pfad durch den Dschungel meiner Gedanken. Ich lernte mühsam, dass die Dinge immer hintereinander geschehen müssen. Nebeneinander und gleichzeitig können sie nicht geschehen.« In der Stille, in der konzentrierten Beobachtung seiner wilden Umgebung, in der Ausdehnung der Grenzen seiner Wahrnehmungsfähigkeit erlebt er Glück in einer Intensität, wie er sie nie für möglich gehalten hätte. »Wie die Jahreszeiten trieb ich im Fluss der Wandlung, der Vergänglichkeit«, schreibt er in seinem Buch »Das Geheimnis des Loslassens«. Aus Hermann Ricker wird auf einer langen Reise zu sich selbst Master Han Shan.
Mittlerweile hat Master Han Shan seine orangefarbene Mönchskutte abgelegt, um anderen Menschen zu vermitteln, was er selbst gelernt hat. Grundlage für das von ihm gegründete »Nava Disa Retreat Center« im Nordosten Thailands war ein 1600 Quadratmeter kleines Grundstück, das ihm eine Frau schenkte. Nach und nach entstand in Kusuman sein kleines Retreat-Center. Eine Rückkehr in sein altes Leben als Unternehmer ist das nicht. »Von der einmaligen Reisernte können die Menschen in dieser armen Region nicht leben. Die ausländischen Gäste, die zu mir kommen, tragen mit ihrem Geld zum Lebensunterhalt der Thais bei. Auf die Art gebe ich den Menschen hier etwas zurück.«
Unternehmer suchen bei ihm Rat
Master Han Shan hat aufgrund seiner Herkunft natürlich gute Grundlagen für die Arbeit mit Menschen aus dem westlichen Kulturkreis. Lehrer kommen zu ihm, Manager, Ärzte, Psychologen und Unternehmer. Der ehemalige Mönch schüttelt den Kopf: »Unternehmer wollen oft wissen, was sie denn verändern können in ihrer Arbeit. Meinen Ex-Kollegen sage ich: Wenn du in deiner Firma etwas ändern willst, dann ändere zuerst dich selbst. Anders geht es nicht. Du willst ethisch wirtschaften? Das ist gut. Aber das geht nicht, wenn du nur deine Philosophie änderst, du selbst aber der Alte bleibst.« Und noch einen Rat gibt er seinen Zuhörern gerne mit auf den Weg: »Erfolg ist kein Schlüssel für wirkliches Glück, sondern inneres Glück öffnet die Tür für den Erfolg.«
Im westlichen Kulturkreis aufgewachsene Menschen haben das Innehalten und die Beschäftigung mit dem eigenen Selbst nur selten gelernt. Ihnen versucht er die Kunst der Achtsamkeit und des Loslassens beizubringen. »Wer Achtsamkeit übt, lernt, sein Leben zu meistern. Wer sie in sich etabliert, lernt das Glück in sich kennen«, sagt er lächelnd. Der Mann, der sein Penthouse gegen eine Hütte in der Wildnis eintauschte, macht sich keine Illusionen über die Gefühle, die Menschen im Guten wie im Bösen antreiben und beherrschen. »In jedem Menschen sind Grundgefühle wie Hass, Neid, Feindschaft, Gier, Angst angelegt. Doch wir haben zugleich das Potenzial, diese Gefühle loszulassen. Wir müssen nicht tatenlos mitansehen, wie Konkurrenzdenken unser Geschäft und Eifersucht unsere Beziehungen zerstören. Wie Gier sich auf die Wirtschaft auswirkt, Feindseligkeit auf unser Zusammenleben auf diesem Planeten.«
»Wir suchen die Perle überall, nur nicht in uns«
Für Master Han Shan bedeutet Loslassen, einen energetischen Prozess in Gang zu setzen. Statt bestimmte Energiemuster – aufgebaut durch die Summe all unserer Aktionen und Reaktionen – durch immer neue Wiederholungen am Leben zu erhalten, gibt der Prozess des Loslassens Raum für die Freisetzung neutraler Energien, die all die Überlagerungen entfernen, die sich im Laufe eines Lebens wie Staub auf das ursprüngliche Energiefeld gesenkt haben. »Dieser Prozess ist gleichzeitig der Weg, sein wahres Ich zu erkennen. Und das ist eben nichts anderes als reine Energie«, sagt Master Han Shan und erhebt sich von seinem Stuhl, auf dem er drei Stunden fast ohne jede Regung gesessen hat. Oft vergleicht er Menschen mit Bettlern, die sich über ihr karges Leben beschweren, aber nicht wissen, dass sie unter dem Revers eine Perle mit sich herumtragen. »Wir alle haben diese Perle, aber wir sehen sie nicht, weil wir die Perlen an fremden Orten suchen und nicht in uns selbst«, sagt der sechzigjährige Mann, der ein neues Leben gewann, als er sein altes fast verloren hätte.n
