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Machen Computer dumm?

Der Psychiater Manfred Spitzer hat mit seinem Buch »Digitale Demenz« großen Erfolg. Viele Menschen haben offensichtlich Angst vor den immer schnelleren Entwicklungen der digitalen Medien. Zu Recht? Ein Pro und Contra von Micha Heitkamp und Andrea Teupke
von Andrea Teupke , Micha Heitkamp vom 25.09.2012
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Machen Computer dumm? (Foto: pa/Haas)
Machen Computer dumm? (Foto: pa/Haas)

Micha Heitkamp: »Wissen verändert sich«:

»Wir klicken uns das Gehirn weg«, warnt der Psychiater Manfred Spitzer. Und weil er fürchtet, seine Kinder könnten ihm in zwanzig Jahren vorhalten: »Papa, du wusstest das alles – und warum hast du dann nichts getan?«, hat er etwas getan und ein Buch geschrieben. Offensichtlich trifft er mit seiner Sorge um die Kinder den Nerv vieler Eltern. Sein Buch »Digitale Demenz« hat sich jedenfalls zum Bestseller entwickelt.

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Spitzers Hauptthese lautet: Wenn Kinder und Jugendliche zu viele digitale Medien nutzen, werden sie im Alter früher dement. Daneben stellt er eine ganze Menge weiterer Thesen auf. Immer geht es um den negativen Einfluss von Computern, Computerspielen, Spielkonsolen, sozialen Netzwerken und ganz besonders von digitalen Medien in den Schulen.

Spitzer sieht sich dabei als Tabubrecher und Einzelkämpfer, der endlich die Sorgen vieler Menschen wissenschaftlich untermauert. Dass er auf Widersprüche stoßen werde, schreibt er schon in dem Buch, und er erklärt auch warum: Unternehmen, die durch digitale Medien Geld verdienen – man könne »zum Vergleich durchaus die Waffenproduzenten und -händler anführen« –, bezahlten Medienwissenschaftler dafür, dass sie die Unwahrheit sagen, und die Politiker würden aufgrund der zu erwartenden Steuereinnahmen die Augen vor den Gefahren der digitalen Medien verschließen. Nur Spitzer selbst spreche die wahren Erkenntnisse der Wissenschaft aus.

Doch gerade die Wissenschaftlichkeit sprechen ihm viele Experten ab. So etwa der Literatur- und Medienwissenschaftler Martin Lindner. Spitzers Argumentationsniveau sei erschreckend: »Er tritt die Wissenschaft mit Füßen.« Er definiere die Kernbegriffe nicht klar und setze ununterbrochen die verschiedensten Dinge gleich. Vor allem seien die in dem Buch aufgestellten Thesen nicht beweisbar.

Tatsächlich eignen sich Spitzers populistische Vergleiche – etwa Computer mit Drogen oder Computerspiele mit Kinderpornografie – und seine Weltuntergangsszenarien, nach denen digitale Medien eine Gefahr für Freiheit, Frieden, Nächstenliebe, Familie und Solidarität darstellten, nicht für eine ernsthafte Diskussion. Dabei wäre die, gerade was den Einsatz von Medien in Schulen betrifft, dringend notwendig. Das sieht auch Martin Lindner so: »Die Struktur von Wissen und Bildung verändert sich.«

Geht man davon aus, dass das Auswendiglernen von Faktenwissen in Zukunft an Bedeutung verlieren wird, weil es online abrufbar ist, bedeutet das einen Machtgewinn in der Gesellschaft für diejenigen, die sowohl den Umgang mit der Technik als auch das Filtern der Informationsflut beherrschen. Da das Vorhandensein des Internets keine politische Entscheidung, die es zu treffen gilt, sondern Realität ist, könnte Spitzers Forderung, Computer aus den Schulen zu verbannen, fataler gar nicht sein: Sie würde zu einem fundamentalen Vorteil für die Kinder führen, die zu Hause von ihren Eltern den Umgang mit digitalen Medien erlernen. Das hätte Auswirkungen auf einen Bereich, den Spitzer nur kurz am Rande erwähnt: die soziale Gerechtigkeit.

Dabei geht es nicht nur darum, den Schülern den Umgang mit Computern beizubringen. Martin Lindner teilt Lernmedien in Lehrer- und Schülermedien ein. Es sei schon bemerkenswert, dass in den vergangenen Jahrzehnten hauptsächlich Lernmedien erfunden worden seien, die die Lehrer stärkten. Eine der wenigen Ausnahmen sei die Erfindung des Tintenkillers 1972 gewesen. Auch mit moderner Technik ließen sich Lehrermedien herstellen. Das Ersetzen von klassischen Kreidetafeln durch elektronische Smartboards etwa sei sinnlos.

Diese Meinung teilt auch André Spang. Der Musiklehrer eines Kölner Gymnasiums hat einen Lehrauftrag für Mediendidaktik am Institut für Medien und Bildungstechnologie in Augsburg. »Es gibt zurzeit einen Hype, was die Smartboards betrifft.« Er selbst setze in seinem Unterricht lieber die Tafel ein. Zusätzlich nutze er digitale Medien, die nicht dem Frontalunterricht dienen, sondern mit denen die Schüler arbeiten können.

Ein Beispiel nennt er aus dem Deutschunterricht: Dort könnten die Schüler in Gruppen mit Tablet-Computern einen Film über das gerade im Unterricht behandelte Buch drehen. Innerhalb einer Doppelstunde kämen dabei hervorragende Ergebnisse heraus, für die die Schüler sich intensiv mit dem Stoff beschäftigen mussten. Für die Schüler sei das Gefühl wichtig, etwas selbst geschafft zu haben, betont Spang. »Es geht darum, dass sie mithilfe der digitalen Medien individuell lernen können.«

»Selbstermächtigung der Schüler« nennt auch Martin Lindner als Ziel von sinnvoll im Unterricht eingesetzten digitalen Medien. Die wichtigste Aufgabe der Medienpädagogik sei es, die Schüler diese Selbstermächtigung erleben zu lassen. Das stärke und schütze sie auch besser vor den Gefahren digitaler Medien als Vorträge oder Verbote.

Gleichwohl werden durch den Einsatz digitaler Medien in Schulen sicher nicht alle Probleme der Bildung gelöst. Es entstehen sogar einige neue Gefahren. So darf die Bildung nicht durch den Kauf bestimmter technischer Produkte in Abhängigkeit von großen Unternehmen, wie zum Beispiel Apple, geraten. Dennoch bieten sich auch große Chancen für die Verbesserung des Bildungssystems. Ob diese genutzt werden, hängt allerdings weniger von der Technik an sich als vielmehr von den Unterrichtsmethoden der Lehrer ab.

Andrea Teupke: »Lieber im Matsch spielen«:

Angst ist ein schlechter Ratgeber – aber ein großartiges Verkaufsargument. Anders lässt sich nicht erklären, wieso ein publizistischer Amoklauf wie »Digitale Demenz« von Manfred Spitzer zum Bestseller werden kann. Gekauft wird das Buch, weil viele Eltern Angst haben – Angst vor dieser neuen, bunten, vernetzen Welt, in der sie sich nicht auskennen und auf die sie ihre Kinder nicht wirklich vorbereiten können. Angst davor, die Kinder könnten, wie Spitzer es vorhersagt, »dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich« werden.

Wer selbst gerade gelernt hat, Texte zu »googeln« und auszudrucken, muss sich plötzlich mit Onlinespielen und Chatrooms auskennen, soll wissen, wie man Rechner »kindersicher« macht, und über Risiken aufklären, die er selbst nicht durchschaut. Das macht Angst – und zwar umso mehr, je schlechter die Eltern selbst informiert sind. Wer bei Facebook aktiv ist, wird weniger Probleme damit haben, seine Kinder dort zu treffen; wer ein Smartphone nutzt oder gelegentlich Computerspiele macht, wird nicht nach einer durchdaddelten Nacht schon die »Onlinesucht« fürchten.

Konkrete Hilfestellung für verunsicherte Eltern bietet das Buch jedoch nicht. Stattdessen schürt es die Ängste derjenigen, die sich ohnehin überfordert fühlen. Auf 367 Seiten kommt der Ulmer Psychiater vom Hölzchen aufs Stöckchen, zieht schiefe Vergleiche und ergeht sich in groben Verallgemeinerungen. So schürt er die Ängste derjenigen, die sich ohnehin überfordert fühlen – und liefert seinen Kritikern wunderbare Angriffsflächen: Spitzer zu verreißen ist derzeit die Lieblingsbeschäftigung der Feuilletons.

Was er eigentlich sagen wollte, hat Spitzer jetzt in einem Interview der »Zeit« erklärt: »Bis zu einem Alter von zwei Jahren können Kinder mit dem Computer nichts anfangen. Im Vorschul- und Grundschulalter schadet hoher Medienkonsum der Bildung.« Leider hat er viel, viel mehr und noch ganz andere Dinge gesagt. Und das ist schade. Denn über diese These ließe sich vermutlich rasch Einigkeit herstellen.

Die britische Neurowissenschaftlerin Susan Greenfield sagte kürzlich in einem Interview: »Jede Stunde vor dem Bildschirm ist eine, die wir nicht damit verbringen, die Sonne auf dem Gesicht zu spüren oder jemanden zu umarmen.« Man kann das kitschig finden oder als Kulturpessimismus abtun: Es gibt gute Gründe, Kindergartenkinder lieber im Schlamm matschen und in Bächen waten zu lassen als sie mit den Segnungen eines Touchscreen vertraut zu machen; und auch Grundschülern würde man wünschen, mehr reale als virtuelle Abenteuer zu erleben, lieber Hütten aus echten Brettern zu bauen als gepixelte Welten am Bildschirm zu schaffen.

Kinder brauchen vielfältige sensomotorische Erfahrungen, sie müssen sich bewegen und Dinge berühren, betasten und begreifen. All das tun sie am Bildschirm nicht. Stattdessen sitzen sie bewegungslos und wie hypnotisiert und starren auf Bilder, die andere ihnen vorgeben.

Und noch etwas anderes verhindert der Bildschirm: das symbolische Spiel. Spielende Kinder sind normalerweise ständig dabei, Welten zu erfinden und dazu Dinge umzudeuten: »Das wär' jetzt mal unser Haus, und du würdest da schlafen.« Ein Stock kann ein Kochlöffel, ein Gewehr oder eine Angel sein; auch Zeiten und Situationen wechseln schnell: »Du wärst aber ein lieber Löwe, oder?« Bildschirmwelten dagegen sind flach und eindeutig: Ein Monster ist immer ein Monster, ein Lastwagen lässt sich nicht eben zum Wohnmobil umfunktionieren, und die Klötze sind Klötze und nichts anderes. Egal, wie komplex und detailreich die künstlichen Welten inzwischen sind: Letztlich können Computerspieler nur auf das reagieren, was die Entwickler ihnen vorgeben. Mit der Qualität freien Spiels, wo Fantasie und eigene Erfahrungen verschmelzen und gleichzeitig etwas Neues entsteht, hat das nichts zu tun.

Man muss Computerspiele nicht mit Heroin vergleichen, wie Spitzer das tut. Vermutlich »schadet« auch nicht jede Stunde vor dem Bildschirm dem Gehirn. Aber Computer können andere Erfahrungen verhindern. Gerade heute, wo es immer weniger Gelegenheiten gibt, bei denen Kinder sich ausprobieren und wirklich spielen können – ohne Programm, Anleitung und pädagogische Betreuung –, ist das tatsächlich beunruhigend..

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Personalaudioinformationstext:   Micha Heitkamp, geboren 1990, studiert Politikwissenschaft und evangelische Theologie in Bielefeld. Zur Zeit ist er Praktikant in der Redaktion von Publik-Forum. Andrea Teupke, geboren 1963, ist Publik-Forum-Redakteurin mit den Themenschwerpunkten Familie, Bildung und Erziehung.
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