Hengsbach: »Wir brauchen Zeitrebellen«
»Auf Vortragsreisen passiert es immer wieder, dass morgens der Wecker piepst und ich nicht weiß, wo ich bin – daheim oder auf Reisen, im eigenen Zimmer oder im Hotel«, bekennt Friedhelm Hengsbach im Interview mit dem Journalisten Adelbert Reif.
Hengsbach litt jahrelang unter einem gnadenlosen Zeitdiktat, das ihn schließlich körperlich zermürbte. Noch heute ist er oft in Hetze – aber er hat gelernt, schneller »halt« zu sagen. Er kommt mit seiner Zeit besser zurecht als früher: »Solange der Glaube, unverwundbar zu sein, anhält, verstärkt man ja den Einsatz.«
Im Publik-Forum-Interview erklärt er, warum das Problem mit der Zeit nicht nur ein individuelles ist, das sich »mal eben« durch Mediation und persönliche Konsequenz lösen ließe. Denn: »Ich kann nicht richtig leben unter falschen Strukturen. Wenn die Finanzmärkte die Ursache für den Druck in der Gesellschaft bis ins Private hinein sind, müssen die politisch Verantwortlichen handeln. Die Menge an Zeit muss zum Zeichen für gesellschaftlichen Wohlstand werden, nicht die Menge an Gütern.«
Doch wer setzt diese Forderung um? Hengsbach verlangt »die Umstrukturierung einer Industriewirtschaft in eine Wirtschaft, die stärker an humanen Bedürfnissen orientiert ist«. Damit ist er nicht allein, sondern greift Gedanken auf, die aus feministisch-ökonomischen und theologischen Konzepten erwachsen sind. Hengsbach verleugnet das nicht – und schafft doch einen Mehrwert durch seine Antworten im Interview –, weil er ehrlich bekennt, wie gehetzt er selbst oft lebt und wie schwierig es ist, der Idee nachhaltig Taten folgen zu lassen: »Ich suche mir dafür Nischen, den Sonntag, die Ferien, die ich mir bewusst frei halte und wo ich für berufliche Anfragen nicht erreichbar bin.«
