Heute noch von Sünde reden?
»Die religiöse Gelehrtenrepublik ist altersmüde, auch deshalb, weil die Sprache ihres Personals bizarr altmodisch klingt. Sünde ist so eine Vokabel, die außerhalb der Gelehrtenrepublik allenfalls noch halb ironisch in den Mund genommen wird, wenn etwa von Verkehrssünden und Kalorienversuchungen die Rede ist.
Ihr Verschleiß hängt ursächlich damit zusammen, dass sie als moralische Keule missbraucht wurde. Aber sie ist vor allem deshalb zu einem streunenden Wort geworden, weil sie mit dem nach der Aufklärung Karriere machenden Begriff der Autonomie kaum vermittelbar scheint. Zwei unterschiedliche Menschenbilder stoßen aufeinander: hier die Vorstellung, der Mensch sei durch und durch Sünder und auf Gnade angewiesen, dort die Vorstellung, der Mensch sei autonom und gelingendes Leben ein zwar anstrengendes, aber durchaus nicht zum Scheitern verurteiltes Geschäft.
Ich schreibe gegen die Sünden-Verbiesterung von Theologinnen und Theologen an (...) Sünde ist für mich nicht der zentrale Deutungsschlüssel, um mein Leben zu verstehen. Ich deute mich nicht (zumindest nicht grundsätzlich) als Sünder. Und es gibt gute Argumente, es so zu sehen.
(...) Leider schlagen die Erkenntnisse in der Deutungsindustrie der systematischen Theologie, die den alttestamentlichen Erzählungen und Texten entweder instrumentalisierend oder halbwissend gegenübersteht, nicht durch. Alttestamentlern von Rang gelingt es heute leichthändig, mit Vorurteilen – etwa der Rede von der Erbsünde – aufzuräumen. In seiner »Ethik des Alten Testaments« stellt der Marburger Theologe Rainer Kessler unmissverständlich klar: »Das Wort ›Sünde‹ kommt in Genesis 2-3 nicht vor. (...)
Ohne Phänomene wie Selbsttäuschung, Entfremdung oder ideologische Verblendung leugnen zu wollen – ein selbstbestimmtes Leben im Kontext mit anderen Menschen, ein gelungenes Leben ist möglich. Das hat die Philosophin Beate Rössler in ihrer denkstarken Studie »Autonomie. Versuch über das gelungene Leben« eindrücklich gezeigt. Das Leben muss nicht immer »aus einem Guss« sein, wichtig ist, ob man hinter dem eigenen Leben stehen kann.
Auch ein Blick auf die Kain-und-Abel-Geschichte (Genesis 4) erlaubt einen neuen Zugriff auf die Sünden-Thematik. Gott, so die literarische Versuchsanordnung, provoziert und beschämt Kain nach seiner Tat, um ihn auf seine hochproblematische Charakterdisposition aufmerksam zu machen. Kain ist not amused. Gott greift ein, versucht sich als Gefühls-Manager und gibt die Richtung vor. (...) Die Botschaft ist eindeutig: Gott schlägt Selbstbeherrschung und Sensibilität für ein Leben in der Gemeinschaft vor, plädiert für Statusverzicht, um eine gerechte, sprich: egalitäre Ordnung durchzusetzen. Früher hätte man von Demut gesprochen. (...) Von einer vollständigen Verkommenheit des Menschen spricht die Schlüsselerzählung also gerade nicht. Der Text fordert eine éducation sentimentale, eine Erziehung der Gefühle. Dabei stehen besonders der Neid und die Eifersucht im Fokus. Ein autonomes Leben, das mit dem Willen Gottes übereinstimmt, ist möglich.
Biblische Geschichten erzählen ein vielfaches Scheitern. Zugegeben: Dadurch kann sich ein pessimistischer Eindruck festsetzen, der sich bei Paulus bekanntlich verdichtet: »Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich« (Römer 7, 19). Aber niemand ist dazu verpflichtet, den Pessimismus des Pharisäers Paulus zu teilen. Die Weisheitstheologie, die auch in der Bibel steckt, traut dem Menschen entschieden mehr zu. Ein weisheitliches Coaching ist möglich.
Den vollständigen Artikel von Klaas Huizing könne Sie in Publik-Forum 4/2018 lesen oder direkt online mit Digitalabo. In der Publik-Forum-Ausgabe 5/2018 widerspricht der evangelische Theologe Notger Slenczka. Er sagt: Nur wer sich als Sünder versteht, versteht sich richtig.
In unserer Reihe »Streitfragen zur Zukunft« lasen Sie zuletzt: »Bezeugen alle Religionen denselben Gott?«; »Weihnachten feiern – auch ohne Jesus?« und »Brauchen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen?«
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