»Eine Großkirche wäre gefährlich«
Margret Hillers, Frankfurt: Ich bin evangelische Christin und mit einem Katholiken verheiratet. Ich sehe Reformbemühungen in beiden Kirchen. Was können Mitglieder tun, um sie zu fördern?
Publik-Forum nimmt diese Frage einer Leserin zum Anlass, sich mit Aspekten der Reform in der katholischen wie der evangelischen Kirche auseinanderzusetzen. Im siebten Teil der Serie zur Kirchenreform erteilt Uwe-Karten Plisch vom ökumenischen Netzwerk »Kirche von unten« (Ikvu) einer vereinigten Kirche, wie sie in dem Prominenten-Aufruf »Ökumene jetzt!« gefordert wird, eine klare Absage. Ein ökumenisches Sozialwort sei dagegen überfällig. Das vielfach rückwärtsgewandte Vorgehen der katholischen Kirche hält er für ein Hindernis für die Ökumene.
Was halten Sie von dem Aufruf »Ökumene jetzt!«, den 23 Prominente unterzeichnet haben? Kann das etwas bewegen?
Uwe-Karsten Plisch: Die Frage ist: Wer ist eigentlich der Adressat? Sind die Römer gemeint? Werden sie sich darum scheren? Eher unwahrscheinlich. Was am ehesten auf den Text zutrifft, ist das, was Wolfgang Thierse gesagt hat: Dass er ein Zeichen für Ungeduld ist. In diesem Sinne kann er nützen. Ich finde den Text theologisch aber nicht besonders substanziell.
Was stört Sie?
Uwe-Karsten Plisch: Was mir am meisten Bauchschmerzen bereitet, ist, dass von der Einheit der Kirche und nicht der Kirchen die Reden ist. Da würde ich differenzieren. Ich fände es wünschenswert, wenn die Kirchen sich einander annähern und Ökumene auf Augenhöhe betreiben würden. In dem Ökumene-Papier heißt es aber, die Unterschiede zwischen den Kirchen würden die Aufrechterhaltung der Trennung nicht rechtfertigen. Soll das auch eine organisatorische Einheit der Kirchen bedeuten? Das halte ich nicht nur für nicht wünschenswert, davor hätte ich sogar Angst. Eine Einheits-Großkirche wäre ein nicht zu unterschätzender politischer Akteur und hätte sehr viel mehr Macht und käme wahrscheinlich nur auf dumme Gedanken.
Woran denken Sie?
Uwe-Karsten Plisch: Ich war schon schwer genervt, als in Berlin die Kampagne »Pro Reli« gestartet wurde. Dass sie so kläglich gescheitert ist, hängt auch mit der fehlenden Machtposition der Kirchen in Berlin zusammen. Wenn ein großer politischer Player versuchen würde, so etwas durchzusetzen, wäre die Wirkung sicher anders. Oder schauen wir nach Russland. Was wäre, wenn sich die eine Kirche eine ähnliche Staatsnähe auf die Fahne schreiben würde wie die orthodoxe Kirche? Wohin soll man denn dann wechseln? Ich finde die Vorstellung, dass man, wenn es im Zweifelsfall unerträglich wird, immer noch in eine andere relevante Kirche wechseln kann, sehr tröstlich. Ich brauche das gar nicht zu machen. Aber der Gedanke, ich könnte wechseln, der hält mich dann eher bei der Stange. Wenn es aber nur noch eine Kirche gibt, bleibt zum Wechseln höchstens noch eine Sekte. Das finde ich eher bedrohlich.
Wie könnte aus Ihrer Sicht eine sinnvolle Ökumene aussehen?
Uwe-Karsten Plisch: Sinnvoll wäre es, wenn die Kirchen sich wechselseitig als Kirchen anerkennen. Das ist im Moment aber nicht gerade römische Politik. Eher im Gegenteil.
Was würde das in der Praxis bedeuten? Es gibt ja bereits jetzt viel Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden.
Uwe-Karsten Plisch: Es gibt viel Gemeinsames vor Ort. Aber es wird durchaus schwieriger. Das hängt damit zusammen, dass die römisch-katholische Kirche ein klares Personalproblem hat. Schon seit Jahren liegt die Zahl der Neupriester bei unter 100 pro Jahr. Wenn Sie nicht mehr auswählen können, haben Sie irgendwann ein Qualitätsproblem. Das schlägt auch in der Ökumene durch. Die ökumenische Offenheit lässt nach. Vor 20 Jahren hat man noch mit größerer Selbstverständlichkeit und trotz des katholischen Verbots ein gemeinsames Abendmahl feiern können, ohne daraus eine symbolische Aktion zu machen. Das geht heute nicht. Heute gibt es eher den Trend, Protestanten explizit auszuladen.
Haben Sie das schon einmal erlebt?
Uwe-Karsten Plisch: Mehrmals. Bei der Firmung meines Patenkindes hat der Pfarrer alle zur Eucharistie eingeladen, die »katholisch und im Stand der Gnade sind«. Das war eine deutliche Ansage. Er hat dadurch natürlich auch die geschiedenen Wiederverheirateten ausgeladen. Ich habe die Kirche verlassen. Bei einem ökumenischen Bibelwochenende, das ich zusammen mit einem katholischen Pfarrer organisiert habe, lud der Priester bei der Messe zum Abschluss die Protestanten ein, sich vorne den Segen abzuholen. Das hat sehr starke Irritationen hervorgerufen. Es war ein neuer Kollege, mit seinem Vorgänger war das gemeinsame Abendmahl in den Jahren davor immer möglich gewesen. Dieser Pfarrer hatte die Protestanten zwar nicht ausdrücklich eingeladen, aber er hatte auch niemanden zurückgewiesen.
Welche Ökumene können Sie sich vorstellen?
Uwe-Karsten Plisch: Man kann Räume stärker gemeinsam nutzen. Es wäre eine Überlegung, einen überkonfessionellen Religionsunterricht anzubieten. Wenn gerade in Ostdeutschland der katholische Unterricht ausfallen muss, weil es nur noch drei Kinder gibt und der evangelische auch, weil dort ebenfalls nur drei Kinder hingehen, dann wäre es sinnvoll, einen gemeinsamen überkonfessionellen Unterricht zu machen. Auch beim gemeinsamen Abendmahl müsste es keinen Streit geben. Theologisch ist die Frage eigentlich geklärt. Man könnte das machen, wenn man wollte. Ratzinger hat jetzt mit einem Schülerkreis in Rom die Messe hinter verschlossenen Türen gefeiert. Da waren auch zwei Protestanten darunter. Ich nehme an, dass die auch bei der Messe dabei waren. Auch dem bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der zum zweiten Mal verheiratet ist und außerdem eine nichteheliche Tochter hat, reichte der Papst die Eucharistie, nach seinen eigenen Regeln hätte er das nicht tun dürfen.
Warum wird es dann andernorts so streng gehandhabt?
Uwe-Karsten Plisch: Wahrscheinlich nach politischem Gusto. Das ist eine Frage der Abgrenzung.
Was können Gläubige tun, um die Ökumene voranzutreiben?.
Uwe-Karsten Plisch: Druck aufbauen und so viele Kontakte wie möglich von Gemeinde zu Gemeinde zu knüpfen. Denkbar wäre auch, eine Kirche doppelt zu nutzen. So etwas gibt es, zum Beispiel wird der Wetzlarer Dom von beiden Gemeinden genutzt. Noch besser wäre es, wenn man gemeinsam ein Konzept für einen Neubau entwickeln würde. Für Studentengemeinden könnte man das sehr gut machen. Die sind konfessionell sehr gemischt. Für so etwas gibt es auch Beispiele.
Können die Studentengemeinden Keimzelle für mehr Ökumene sein, gibt es dort weniger Vorbehalte zwischen den Konfessionen?
Uwe-Karsten Plisch: Es gibt viel Gemeinsames, es gibt aber auch eine unterschiedliche Kultur. Ich war einmal als Referent bei einer ökumenischen Veranstaltung der Studentengemeinden in Magdeburg. Bei der Vorbereitung wurde klar, dass die Erwartungen von Katholiken und Protestanten ganz unterschiedlich sind. Erstere wollten klassischen Frontalunterricht. Letztere wollten dagegen im Kreis sitzen und diskutieren. Ich habe dann beides gemacht, die Hälfte der Zeit von vorne gesprochen, die andere Hälfte haben wir miteinander diskutiert.
Wird der Druck auf die Kirchen angesichts sinkender Einnahmen steigen, sich zusammenzuschließen?
Uwe-Karsten Plisch: Soll man sich zusammentun, weil man kleiner wird? Sinnvoller wäre es, wenn wir größer würden. Das geht aber nur, wenn man die Leute von der Relevanz der Botschaft überzeugt. Die Kirche, die das nicht leistet, braucht eigentlich auch keiner. Die Kirche als weltliche Organisationsform der Gläubigen ist kein Wert an sich. Wenn sie nichts zu sagen hat, kann sie auch verschwinden, das ist nicht das Ende des Christentums. Das wird sich immer auch neue Formen suchen.
Was müsste sich ändern, um die Gläubigen von der Relevanz der Botschaft zu überzeugen?
Uwe-Karsten Plisch: Wenn man EKD-Papiere sieht, hat man gelegentlich das Gefühl, dass die der eigenen Botschaft und ihrem eigenen Gründungsmythos, wonach die Schrift das wichtigste ist, nicht trauen. Bibelzitate werden willkürlich im Text verstreut. Man sollte von der Bibel aus denken und nicht erst denken und dann schauen, welche Bibelstelle könnte dazu passen. Es ist ganz wesentlich, dass man vom Ausgangspunkt her denkt und die Bibel nicht nur als Zitatenschatz gebraucht. Dann ergeben sich viele Weichenstellungen von selbst.
Muss die Kirche mehr anecken?
Uwe-Karsten Plisch: In der EKD-Friedensdenkschrift wird das Ziel formuliert, einen möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens herzustellen. Das ist ein unsinniger Anspruch. Man muss sich entscheiden. Will man Salz der Erde sein, dann muss man auch Positionen vertreten, die gegen die Mehrheitsmeinung sind. Die Kirche muss sich entscheiden: Ist sie Herrscherin am Stammtisch und verbreitet Konsens? Oder ist sie der Stachel im Fleisch, das Salz der Erde?
Wie stellen Sie sich die Kirchen in 20 Jahren vor?
Uwe-Karsten Plisch: Schwer zu prognostizieren. In der katholischen Kirche gibt es im Moment einen klaren Trend zu Antimodernismus und Vormodernismus. Die »Heimholung« der Piusbrüder ist nur ein Indikator. Die Frage ist, welche Wirkung das Abschmelzen der Kirche auf einen harten Kern »wahrer Katholiken« und die Ausgrenzung weltoffener Katholiken noch entfaltet. Ein aktuelles Beispiel für diesen rückwärtsgewandten Trend ist auch das Wirken des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst. Er bringt gerade ein langjähriges ökumenisches Projekt zum Einsturz, indem er den Leiter des Hauses der Begegnung, Patrick Dehm, fristlos gekündigt hat. Der hat auch den Limburger ökumenischen Arbeitskreis für Kirchenmusik mehr als 30 Jahre lang geleitet. Das war ein sehr segensreiches Wirken. Solche Tendenzen muss man ja erst einmal überwinden, bevor es vorwärts geht. Momentan geht es rückwärts.
Was fehlt aktuell noch in der Ökumene?
Uwe-Karsten Plisch: Es sollte ein gemeinsames Sozialwort der Kirchen geben. Das wäre relativ leicht zu realisieren.
