Ein Traum von Gemeinde
Margret Hillers, Frankfurt: Ich bin evangelische Christin und mit einem Katholiken verheiratet. Ich sehe Reformbemühungen in beiden Kirchen. Was können Mitglieder tun, um sie zu fördern?
Publik-Forum nimmt diese Frage einer Leserin zum Anlass, sich mit Aspekten der Reform in der katholischen wie der evangelischen Kirche auseinanderzusetzen. Im dritten Teil der Serie zur Kirchenreform erläutert Klaus Neumeier von der evangelischen Christuskirchengemeinde Bad Vilbel bei Frankfurt, wie sich eine Gemeinde nachhaltig verändern kann. Der Pfarrer ist Sprecher des Netzwerks »Lust auf Gemeinde« der evangelischen Kirchen in Hessen und Nassau.
Herr Neumeier, Sie wollen »Kirche anders« machen. Was bedeutet das?
Klaus Neumeier: Kirche »anders« ist ein zweites Gottesdienstprogramm. Neben dem traditionellen Gottesdienst bieten wir seit 1996 an sieben, acht Sonntagen im Winterhalbjahr nachmittags im Gemeindesaal in Bistroatmosphäre einen Gottesdienst mit moderner Musik, Gospelchor oder der »Anders-Band« an. Es gibt eine erzählende, sehr am Alltag orientierte Predigt mit Rückfragemöglichkeiten, untermalt mit Bildern und Musikeinspielungen, und immer mit Theater verbunden. Ein Team von 15 bis 20 Leute bereitet das vor. Das ist ein Angebot für diejenigen, die sagen, ich möchte mich mit Themen des Glaubens und des Christseins befassen, aber keine Lust auf die traditionellen liturgischen und gottesdienstlichen Formen haben. Den herkömmlichen Sonntagsgottesdienst haben wir daneben so verändert, dass in der Regel immer Orgel und Band spielen.
Bei Ihnen passiert viel über die Musik?
Klaus Neumeier: Wir haben sieben verschiedene Chöre und sieben Bands in der Gemeinde. Es gibt auch theologische Gesprächskreise und Glaubenskurse, der Verstand kommt nicht zu kurz. Aber wir wollen dem gefühlten und erlebten Glauben einen höheren Stellenwert geben. Und da ist die Musik ein ganz wichtiges Mittel. Auch unsere Fahrten gehen in diese Richtung, wir bieten acht sehr erlebnisorientierte Vater-Kind-Wochenenden an. Wir haben daneben Sommerfreizeiten für Kinder und Jugendliche, Familienskifreizeiten im Winter, neuerdings auch Kulturfahren. Wir wollen die Menschen zusammenführen, sie dabei aber auch Glauben erleben lassen. Rund 1000 Menschen nehmen pro Jahr daran teil.
Was sind die Themen im anders-Gottesdienst?
Klaus Neumeier: Wir haben eine Reihe über die sogenannten sieben Todsünden, wir behandeln die christlichen Feste, gehen auf Fragen ein, was ist Abendmahl, was ist Taufe? Wir wollen das auf eine allgemeinverständliche Weise erklären und vor allem aber auch fragen, was bedeutet es für uns heute als Christen? Darüber hinaus geht es um Fragen des gelebten Christseins, sprich der Ethik: Wie erziehe ich als Christ Kinder? Wie lebe ich als Christ in meiner Ehe? Wie gehe ich mit Geld um? Wie gehe ich mit meiner Zeit um? Lebenswende, für Menschen Mitte 40, das sind typische Themen.
Sie holen die Menschen in ihrem Leben ab?
Klaus Neumeier: Das ist das Ziel. Und es funktioniert. Kirche anders besteht jetzt 16 Jahren. Der Saal fasst 250 Leute. Und er ist immer gut besucht und oft richtig voll. Wir erleben ganz deutlich, dass Menschen nach dem Sinn ihres Lebens fragen und nach Orientierung suchen, gerade in einer globalen und oft ausdifferenzierten und damit auch unübersichtlichen Welt. Viele suchen nach Gemeinschaft,und zwar gerade als Gegentrend zur Individualisierung und zu den Anforderungen im Beruf. Sie wollen in der Gemeinschaft so sein dürfen wie sie sind und nicht irgendetwas erbringen müssen. Das erleben wir auch in unseren Glaubenskursen mit dem bewusst gewählten Titel »Was dir gut tut«. Ein Kurs geht über sechs, sieben Abende. Zu Beginn gibt es immer etwas zu essen. Es gibt einen Einstieg von der Bühne aus, und dann Gespräche in Kleingruppen. Es gibt Schwerpunkte, zum Beispiel das Vaterunser. Zwei Mal haben wir es bislang angeboten, es kamen rund 150 Teilnehmer.
Muss man heute den Glauben erklären?
Klaus Neumeier: Ja, Menschen wissen von Bibel und Glauben heute weniger als in früheren Zeiten. Wir haben zweifellos einen gewissen Traditionsabbruch. Auch im Kinder- und Jugendbereich ist Wissensvermittlung ein wichtiger Punkt. Die Erfahrung des Glaubens steht dort aber noch mehr im Vordergrund. Im Rahmen unseres Kirchenjubiläums, die Christuskirchengemeinde besteht seit 50 Jahren, haben wir einen Erlebnisraum Kirche gestaltet, wo wir auf sehr museumspädagogische Weise den Kirchenraum präsentierten. Wir haben auch einen Film gedreht über das geistliche Leben in der Kirche.
Sie brauchen viele Menschen, die ehrenamtlich bei Ihnen mitarbeiten. Wie gewinnen Sie die?
Klaus Neumeier: Bevor Sie in einer Gemeinde Veränderungen beginnen, müssen Sie zuerst wichtige Weichen stellen. Klären Sie: Was für einen Traum, was für eine Vision habe ich von meiner Gemeinde in zehn Jahren? Und finden Sie andere, die mitträumen. Und Sie müssen eine freundliche Atmosphäre schaffen, in der ohne Druck und mit sehr viel Fröhlichkeit Christein gestaltet werden kann. Bei uns in der Gemeinde wird sehr viel gelacht. Das merken die Menschen und deswegen machen sie auch gerne mit. Auf dieser Grundhaltung basieren alle Programme, die man sich wählt. Manche Kirchenvorstände und Kollegen in Gemeinden haben Angst vor Veränderung und fürchten, dass ihnen dann alles über den Kopf wachsen könnte. Doch das ist eine Frage der Organisation.
An den Anfang eines solchen Prozesses gehört das Innehalten und die Überlegung, wo stehen wir eigentlich, was können und sollten wir vielleicht auch lassen, wo sollten wir unser Augenmerk hin richten und wo können für neue Aufgaben auch neue Menschen gewonnen werden? Dazu gehört auch die Frage, was vielleicht im Verbund mit Nachbargemeinden geleistet werden kann. Keiner kann es allein allen recht machen. Aber mit unterschiedlich profilierten und auf einander abgestimmten Konzepten können wir im Verbund mehrerer Gemeinden auf die vielfältigen und unterschiedlichen Bedarfe und Erwartungen unserer postmodernen Gesellschaft eingehen. Wir haben das zu Beginn gemacht und wiederholen es in regelmäßigen Abständen. Ein Klausurwochenende für den Kirchenvorstand und leitende Mitarbeiter der Gemeinde ist alle zwei Jahre gut.
Sie laufen Marathon. Braucht man für Kirchenreform einen langen Atem?
Klaus Neumeier: Auf jeden Fall. Wenn ich etwas entwickeln will, muss ich sehen, dass die neuen Konzepte nachhaltig sind. Eine Euphorie für ein zweites Gottesdienstprogramm zu entfachen wie in Kirche anders, ist relativ einfach. Aber dass nicht nach drei, vier, fünf Jahren die Luft raus ist und man das Team motiviert und das Programm weiterentwickelt, dass man die Zielgruppe immer wieder neu anspricht, dafür braucht man den langen Atem. Wenn ich an einer Stelle anfange, beginne ich, die Gemeinde selbst zu verändern. Dann kann man nicht bei einem Programm stehenbleiben. Wenn ich es nachhaltig mache, wird es Kreise ziehen.
Was kann sich in der Kirche im größeren Rahmen verändern?
Klaus Neumeier: Gute Ideen gibt es natürlich nicht nur bei uns, sondern auch woanders. Wichtig ist, dass wir sie kommunizieren und uns gegenseitig ermutigen. Man muss nicht immer das Rad neu erfinden. Wie wollen auch nicht, dass jemand glaubt, er müsste unser Modell übernehmen. Das wäre ein Missverständnis. Aber die Grundhaltung, was die Atmosphäre und die ehrenamtliche Arbeit betrifft, ist übertragbar. Was daraus entsteht, kann in jeder Gemeinde anders sein. Prüfest alles und das für Euch, in eurer Situation Gute, behaltet. Als Volkskirche stehen wir nicht nur mit dem Rücken zur Wand. Wir haben auch unglaubliche Chancen. Trotz aller Reformprozesse sind wir eine unglaublich reiche Kirche. In vieler Hinsicht. Das können wir nutzen.
Weitere Informationen:
www.christuskirchengemeinde.de
www.kirchenreform.net, eine Plattform für Reformthemen
Die evangelische Christuskirchengemeinde ist Teil des Netzwerks Willow Creek
Ein Traum von Kirche. Wie ein Gottesdienst für Kirchendistanzierte eine Gemeinde verändert. Asslar 1998 (mit Klaus Douglass und Kai Scheunemann)
