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»Die Gemeinde ist überholt«

Die Zukunft der Kirche liegt in der Unabhängigkeit von staatlichen Strukturen, meint der evangelische Theologe Wolfgang Nethöfel. Den Abschied von der Kirchensteuer und von der alten Gemeinde hält er für unabdingbar. Teil sechs der Publik-Forum Serie zur Kirchenreform
von Markus Dobstadt vom 16.07.2012
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Die Kirchen müssen sich jetzt auf eine Zukunft ohne Kirchensteuer vorbereiten, meint der Marburger Theologe Wolfgang Nethöfel. (Foto:Privat)
Die Kirchen müssen sich jetzt auf eine Zukunft ohne Kirchensteuer vorbereiten, meint der Marburger Theologe Wolfgang Nethöfel. (Foto:Privat)

Margret Hillers, Frankfurt: Ich bin evangelische Christin und mit einem Katholiken verheiratet. Ich sehe Reformbemühungen in beiden Kirchen. Was können Mitglieder tun, um sie zu fördern?

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Publik-Forum nimmt diese Frage einer Leserin zum Anlass, sich mit Aspekten der Reform in der katholischen wie der evangelischen Kirche auseinanderzusetzen. Im sechsten Teil der Serie zur Kirchenreform fordert der Marburger evangelische Theologe Wolfgang Nethöfel grundlegende Reformen in der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD).

Herr Nethöfel, hat die Kirche eine Zukunft angesichts sinkender Mitgliederzahlen, zurückgehender Kirchensteuer und einer wachsenden Individualisierung in der Gesellschaft?

Wolfgang Nethöfel: Die Kirchen sind in einer einmaligen Situation. Noch haben wir in Deutschland eine Versorgungsdichte wie sie nirgendwo sonst auf der Welt existiert. Sie ist auch einmalig in unserer Geschichte. Aber das wird nicht so bleiben. Wie sich die protestantische Kirche entwickeln könnte, ist derzeit in Skandinavien zu beobachten, wo Kirche und Staat noch enger verbunden sind, als wir es in Deutschland kennen. Die Kirchen dort bauen gerade ihre Privilegien ab mit dem Ziel, ihre kirchliche Identität zu bewahren. Die evangelische Kirche in Holland zeigt hingegen, wie es nicht laufen sollte. Sie ist in den letzten 30 Jahren zu einer marginalen Kirche geworden. Das ist das Reformspektrum, in dem sich die evangelische Kirche in Deutschland bewegt.

Sie meinen, die Kirchensteuer wird hierzulande verschwinden?

Wolfgang Nethöfel: Die durch die Kirchensteuer finanzierte Gemeinde wird es mit Sicherheit irgendwann nicht mehr geben. Die Frage ist nur wann.

Warum sollte die Kirchensteuer aufgegeben werden?

Wolfgang Nethöfel: Ich wünsche mir den Wegfall nicht. Aber ich meine, es ist klug, sich durch Reformen auch darauf vorzubereiten. Wenn man sich das Parteienspektrum anschaut, werden Koalitionen immer wahrscheinlicher, in denen sich die Partner wenigstens darin einig sind, dass sie gegen die Kirchensteuer sind. In der SPD gibt es entsprechende Stimmen, die sind allerdings in der Minderheit. Ein starker liberaler Flügel in der FDP ist für die Abschaffung der Steuer. Bei den Grünen, den Linken und bei den Piraten ist diese Position ebenfalls in den Gründungstraditionen verwurzelt.

Man kann es sich kaum vorstellen, wie die Kirchen ohne diese Mittel existieren könnten.

Wolfgang Nethöfel: Das kann man sich schon vorstellen. Denn das gibt es bereits. Wenn man sich die großen Freikirchen ansieht, die Baptisten etwa oder die Methodisten. Es ist ein Mythos, dass die bloß in Gemeinden zerfallen. Sie haben einen abgesicherten Apparat von Hauptamtlichen und übergemeindliche Strukturen. Oder man sehe sich die anglikanische Kirche an, die in vielem vormacht, wie man unabhängig sein kann von staatlichen Finanzierungsstrukturen. Dass große Kirchenorganisationen überleben und überregionale Strukturen ausbilden können, sehen wir auch in den USA. Die Volkskirchen müssten ihre Ressourcen jetzt dafür nutzen, sich auf diese Zukunft vorzubereiten. Sonst droht in der Tat ein großer Verlust: etwa an professioneller Lobbyarbeit für die, die sonst keine Stimme haben, und für Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit. Beide Kirchen haben allerdings keine Vision für die Zeit nach der Kirchensteuer: wir können ja auch klarer, deutlicher und glaubwürdiger werden.

Was würde das für das Gemeindeleben bedeuten?

Wolfgang Nethöfel: Wir müssen ein anderes Verständnis der Ämter bekommen. Eine stärkere Partizipation der Laien, eine Stärkung des Ehrenamtes. In der evangelischen Kirche ist das teilweise bereits Programm.

Wie kann Kirchenreform unter diesen Bedingungen aussehen?

Wolfgang Nethöfel: Es gibt zum Beispiel das Braunschweiger Modell der »Flexiblen Kirche im Quartier«. Dabei kooperieren mehrere Gemeinden in einem gemeindeübergreifenden Stadtviertel. Nicht jede Kirchengemeinde soll mehr alles anbieten, die Gemeindegrenzen dürfen durchlässig werden. Die Kirche muss lernen, ihre auf die traditionale Gemeindegrenzen bezogene Logik zu überwinden. Sie muss sich also quasi neu erfinden und anfangen, ihren Stadtraum völlig neu zu entdecken. Es geht letztlich darum, näher bei den Menschen zu sein, die uns brauchen. Ob sie nun zu uns gehören oder nicht.

Die Kirche muss also eine Analyse machen, welche Angebote sinnvoll sind?

Wolfgang Nethöfel: Ja, sie muss schauen: Wo arbeiten die Menschen, wo schlafen sie, wo verbringen sie ihre Freizeit? Wo und wie informieren und engagieren sie sich? Was brauchen sie um zu überleben, und wo und wie können wir ihnen glaubwürdig nahebringen, wie schön und reich ein Leben in christlicher Tradition ist. Die Antworten erschließen eine andere Logik – gerade in der Stadt – als es die Kirchenverwaltung vorsieht. Vieles kann man zentralisieren: man braucht nicht in jeder Gemeinde ein Pfarrbüro. Mit anderen Angeboten muss man vor Ort präsent sein: da brauche ich einen Hauptamtlichen, der ehrenamtliches Engagement unterstützt. Amtskirchen wie Gemeinden wollen ihre Mitglieder oft in der Logik vergangener Zeiten flächendeckend mit ihrem Angebot versorgen.Die Menschen bewegen sich heute aber anders und haben andere Kommunikationsbedürfnisse.

Die Gemeinde ist überholt?

Wolfgang Nethöfel: Die Gemeinde ist als Organisationsform in vielen Dingen überholt.

Fühlen sich Menschen nicht auch heimisch in ihrer Gemeinde?

Wolfgang Nethöfel: Ja, aber dieses Heimatgefühl ist eine Verbundenheit mit Menschen. Man kann am deutlichsten sehen, wie sich das überlagert, wenn wir Internetgemeinschaften sehen. Man ist im Netz, weil man sich für eine bestimmte Sache interessiert. Dann verabreden sich diese Menschen real in einer Kneipe. Das zeigt im Beispiel, was typisch ist für die neue Epoche, an deren Anfang wir ja gerade erst stehen. Solche Interessengemeinschaften gibt es ja längst innerhalb der christlichen Kirche. An vielen Stellen führt ein bestimmtes Thema die Menschen zusammen. In Städten etwa suchen sich die Menschen immer häufiger aus, wo sie hingehen. Das ist nicht immer die eigene Gemeinde.

Weltweit ist die Pfingstbewegung die am stärksten wachsende Reformbewegung. Was bedeutet das für Deutschland? Geht die Gemeindeerneuerung über die Gottesdiensterneuerung, wie es die Pfingstkirchen oder die Willow Creek-Bewegung vormachen?

Wolfgang Nethöfel: Ich denke, das ist einer der Wege, die in die Zukunft weisen könnten. Es ist wichtig, dass man verschiedene Gottesdienstformate pflegt, auch nebeneinander. Das ist auch im evangelischen Bereich nicht ganz selbstverständlich. Die alten Gottesdienstformen speichern und bewahren die Tradition. Unsere Gemeinschaft braucht solche Traditionen, in den Erfahrungen gespeichert sind. Genauso wie wir die alten Texte und Gebete brauchen: um immer wieder neu zu entdecken, was uns jetzt und hier frei macht und in christlicher Liebe bindet. Aber wenn der Gottesdienst einfach nur zelebriert wird, funktioniert genau das nicht.

Muss man dafür die alten Formen aufbrechen? Wie kann man erreichen, dass sich jeder neu davon betreffen lässt?

Wolfgang Nethöfel: Das Paradoxe ist, dass die Erneuerungsbewegungen, auch die liturgischen, noch schneller alt werden als die wirklich alten Formen. Sie werden ganz schnell atemlos, wenn sie die Form für die Sache nehmen. Und sie bleiben nur lebendig, wenn es gelingt, die Menschen einzubeziehen. Wenn Kontakte entstehen. Da dreht sich der Pfarrer nach dem Gottesdienst um, hält die Herausströmenden auf und kommt mit ihnen ins Gespräch. Das motiviert Ehrenamtliche neu. Über erlebnishafte Elemente kann es gelingen, in den Alltag hineinzuwirken. Bei uns ist es oft so, dass die Gottesdienste sehr abgekoppelt sind vom Alltagsleben. Und insofern auch in gewisser Weise leerlaufen. Die alten Formen selbst sind nicht wirklich das Problem. Aber sie selbst sind eben auch nicht die Lösung. Das kann man übrigens schon bei Jesus nachlesen.

Müsste man den Glauben entrümpeln? Gott kommt im Gottesdienst meist wie ein Familienvater daher.

Wolfgang Nethöfel: Jesus wendet sich voll Vertrauen an einen Gott, der so nah ist, wie es sich die Mitglieder einer Kleinfamlie sind. Er sagt »Abba«, Papa, zu ihm. Wenn ich Gott so anreden kann und weiß, er trägt mich in seiner Fürsorge, dann kann ich anders auf Menschen zugehen. Das verändert Strukturen. Das kann ein Erneuerungsimpuls aus dem Gottesdienst sein. Wenn ich diese Haltung heraustrage, dann gehe ich mit einer anderen Aufmerksamkeit in meinen Alltag hinein. Kirchliche zentrale Reformen sollten sich in den Dienst dieser Erneuerung stellen, die von unten und von den Rändern kommt.

Einen Reformbedarf sehe ich auch bei Diakonie und Caritas. Sie sind inzwischen völlig abgekoppelt von den kirchlichen Strukturen und wollen wachsen. Das sind Unternehmen. Dabei ist es ist nicht die Aufgabe von Diakonie und Caritas, flächendeckend den Sozialstaat zu ersetzen. Das ist keine kirchliche Aufgabe. Da verlieren sie auf Dauer ihre kirchliche Identität. Sie sollten vielmehr auf Zustände aufmerksam machen, die absolut nicht zu ertragen sind, und sich dort so lange engagieren, bis der Sozialstaat seiner Pflicht nachkommt und diese Aufgabe übernimmt.

Wie stellen sie sich die Kirche in 30, 40 Jahren vor?

Wolfgang Nethöfel: Meine Befürchtung ist, dass wir ohne eine strategische Vision und ohne vorausschauende und vorwegnehmende Reformen auseinanderfallen in finanziell intakte und finanziell nicht intakte Landeskirchen, das gilt ähnlich für die katholischen Bistümer. Die Unterschiede werden wachsen, wir werden von Südwesten nach Nordosten ein starkes Wohlstandsgefälle haben. Die Anforderungen an Transferzahlungen werden größer werden und ganz starke interne Diskussionen auslösen. Dabei wird die Frage weniger sein, ob diese Transferleistungen finanzierbar sind, sondern ob wir den Menschen erklären können, warum sie das tun sollen.

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Personalaudioinformationstext:   Wolfgang Nethöfel ist kürzlich emeritiert und war zuletzt evangelischer Theologieprofessor in Marburg. Er ist weiterhin Direktor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialethik an der Marburger Philipps-Universität. Darüber hinaus ist er einer von zwei Sprechern des Ökumenischen Netzwerks Kirchenreform.
Schlagwörter: Kirchenreform Kirchensteuer
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