Bekenntnisse in den Weltreligionen
Mein Bekenntnis als Christ
Manch vordergründiger Nachteil entpuppt sich zuweilen als ein Vorteil. Das gilt auch für meinen Versuch, das »Wesen des Christentums« zu ergründen. Natürlich blicke ich zunächst auf den Weg des jüdischen Predigers und Heilers Jesus von Nazaret. Eine Reihe von Urkunden, von denen vier als maßgebende »Evangelien« anerkannt wurden, legt Zeugnis davon ab. Und doch ist das Christentum keine Schriftreligion, denn nicht Buchstaben formen die Offenbarung, sondern die Person Jesu, seine Botschaft und seine Taten. Eine Offenbarungsreligion also, hervorgegangen aus der Tradition der hebräischen Bibel, zugleich ein himmlisch-irdisches Geschehen. Denn, so der Grundgedanke, der an Wagemut kaum zu überbieten ist: Der ewige Gott, von dem wir kein Bild haben und von dem wir uns auch kein Bild machen sollen, hat sich der Welt »in« Jesus von Nazaret gezeigt. »Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen«, heißt es im Johannesevangelium (14,9). Es ist einer von jenen flirrenden Merksätzen des vierten Evangeliums, den man klugerweise nicht vor sich herträgt, vielmehr vor einem Kreuz oder einer Ikone meditiert, weil es ein mystischer, ein spiritueller Satz ist. »Ich glaube, weil ich bete«, sagte der große Theologe Karl Rahner.
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Christian Heidrich ist Religionslehrer und Autor. Zuletzt veröffentlichte er »Warum ich ein Christ bin« (Ostfildern 2025).

