Wenn sich das innere Auge öffnet
Der Koran ist ein Grenzbegriff. Er stellt keinen Informationstext dar, keine gewöhnliche Predigt, kein Gesetzbuch, kein Regelwerk, kein erneutes oder erneuerndes Testament. Allen voran ist der Koran ein ästhetisches Geschehen, ein göttliches Geschehen im Menschen – für die Menschen. Nicht durch den Koran, sondern mit dem Koran wird offenbar, was sich allein als Verborgenheit artikuliert: die Gegenwart Gottes. Darin gilt der Koran im Islam als Offenbarung. Seine Rezitation soll das Wort Gottes im Menschen zum Erklingen bringen, sodass sich der Mensch für das ihn Überschreitende öffnen kann. Jedes Wort des Korans ist der ganze Koran und kein Wort des Korans kann ohne das andere sein, was es zu sein in Anspruch nimmt. Alles am Koran ist mehrdeutig, polyfon, geprägt und getragen von Gleichnissen, Symbolen, Sprachbildern, Metaphern. Diese sind einerseits in Erzählungen eingebettet, andererseits auf keine einzige Erzählung, auf keinen einzelnen Menschen, aber auch auf kein gesondertes Volk fixiert. Jeder Vers des Korans ist zugleich ein Zeichen, das über sich hinausgeht. Die Zeichen haben Sinngehalt, Klang, Atmosphäre, Melodie, Rhythmus und vor allem eine Stimme, die sich in unendlichen Stimmen entfaltet.
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Ahmad Milad Karimi, geboren 1979 in Kabul, ist Professor für islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster. 2019 erhielt er den Voltaire-Preis für »Toleranz, Völkerverständigung und Respekt vor Differenz« der Universität Potsdam.
