Kino-Tipp: »Der Heimatlose«
Der Freund will Hein nach 14 Jahren nicht wiedererkennen, die Mutter auch nicht
Kino. »Das ist meine Heimat«, sagt der junge Mann, als ihn der Fährmann an den Dünen einer gottverlassenen Insel absetzt, »die kann man sich nicht aussuchen.« Doch in der winzigen Siedlung, in die Hein nach 14 Jahren Abwesenheit zurückkehrt, freut sich keiner. Mehr noch: Niemand will den Dreißigjährigen erkennen, selbst die eigene Mutter nicht, die Schwester und der Jugendfreund.
Schließlich wird ein Dorfgericht einberufen, bei dem Hein in drei Verhandlungstagen nachweisen soll, dass er tatsächlich der ist, für den er sich hält.
Dieser Low-Budget-Debütfilm wurde auf der diesjährigen Berlinale ausgezeichnet. Er schafft vom ersten Moment an eine kafkaeske Atmosphäre. Gedreht wurde der Film auf der Insel Norderney, die Kulisse besteht aus Hütten ohne Dächer und Seitenwände, die Kleider der Einwohner sind ebenso altertümlich wie ihre Sprache. Die Geschichte spielt meist unter freiem Himmel, wie in einem Freilichttheater. Dieser Brechtsche Verfremdungseffekt trägt zur Intensität der filmischen Parabel bei, in der es um Außenseiter, Toleranz, um Selbstbehauptung und Identität geht.
Bei der Suche nach der Wahrheit müssen sich Hein und die Zeugen an vergangene Ereignisse erinnern. Doch es zeigt sich, dass diese Ereignisse jeweils anders interpretiert werden: Heins Erinnerungen etwa an Quälereien in seiner Kindheit und an die Beisetzung seines Vaters weichen von der allgemein erlaubten Lesart ab. Das Kartenspiel »Lüge«, das er als Kind beherrschte, steht leitmotivisch für den Schein, der gewahrt werden muss. Und es konfrontiert Hein mit der Figur, die er einst spielen musste – sowie mit dem Geheimnis, das er verbarg.
Die böse Lektion dieses eindrucksvollen Films lautet deshalb: Wer dazugehören will, muss täuschen können.

