Editorial
Über das Freibad als Ort »kollektiver Freiheit«, die Wüste als Ort der Einsamkeit und Wagners brausende Musik
in meiner Kindheit bin ich gerne ins Freibad gegangen – besonders bei meiner Großmutter in der Pfalz. Da gab es ein großes Bad, dessen besondere Attraktion darin bestand, dass mein Bruder und ich es oft nur mit wenigen anderen Menschen teilten. Meine Großmutter erklärte das so: »Ist ein Wölkchen am Himmel, gehen die Pfälzer nicht baden.« Wir Norddeutschen schon. Später sind mir volle Freibäder ein Gräuel geworden. Ich meide sie seit Jahrzehnten. Das Interview mit dem Kunsthistoriker Matthias Oloew hat mich nachdenklich gemacht. Gerade der enge Kontakt mit anderen Menschen mache das Freibad zu einem besonderen Ort. »Die Menschen legen ihren schützenden Kokon der Bekleidung ab. Sie fühlen sich verletzlicher und reagieren manchmal empfindlicher. Aber im Wesentlichen erleben sie, dass das Zusammenleben funktioniert.« Vielleicht sollte ich es doch mal wieder probieren: unter den vielen anderen mich selbst zu erleben.
Manchmal aber braucht es Orte und Zeiten, von allen anderen wegzukommen, um zu merken, wer man selbst ist. Denn eine große Versuchung von uns Menschen bestehe darin, dass wir nicht wir selbst sein wollen, schreibt der Schriftsteller und Ordensmann Andreas Knapp. Oft sei es leichter, sich von außen bestimmen zu lassen. Knapp hat in der Wüste den Ort gefunden, der ihn zu sich und auch zu Gott finden lässt. Ich glaube, viele Erfahrungen, von denen er berichtet, kann man auch an anderen leeren Orten machen.
Wir erleben uns auch in der Begegnung mit der Kunst. Richard Wagner war jemand, der ganz gezielt die Wirkung seiner Musik eingesetzt hat. Was spricht sie in uns an, wenn wir uns in ihren Sog ziehen lassen? Mein Kollege Paul Kreiner ist zum Beginn der Bayreuther Jubiläumsfestspiele der ambivalenten Kraft von Wagners Musik und seinen religiösen Vorstellungen nachgegangen.
Unser nächstes Heft erscheint erst wieder in drei Wochen, am 14. August. Bis dahin wünsche ich viele Selbsterkenntnisse beim Lesen
Christoph Fleischmann ist Redakteur im Ressort Religion & Kirchen.

