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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2019
Homosexualität und Kirche
Wo ist das Problem?
Der Inhalt:

Eine Auslegung der alttestamentlichen Stellen

von Thomas Hieke vom 26.07.2019

Männlich und weiblich erschuf er sie« (Genesis 1,27; 5,1-2). Gott schuf den Menschen als Mann und Frau – etwas anderes gibt es nicht. Sie sollen sich vermehren – nur dazu ist die Sexualität da. Das kursiv Gedruckte steht nicht in der Bibel, wird aber meist hinzugedichtet. Die neue Einheitsübersetzung hat Gen 1,27 mit »männlich und weiblich« wiedergegeben, denn es wird im hebräischen Text nur festgestellt, dass es beim Menschen Männliches und Weibliches gibt. Wenn sich ein Männliches und ein Weibliches paaren, gibt es Nachkommen. Diese einfache Alltagsbeobachtung wird bei Gott als Schöpfer verankert. Weder werden die Ehe von Mann und Frau als ausschließliche Form noch die Zeugung von Nachkommenschaft als ausschließlicher Zweck von Sexualität normativ festgelegt. Der Text liefert keine Definitionen, wie etwas zu sein hat, sondern staunt darüber, wie wunderbar Gott die Welt gemacht hat. Diese Welt kennt noch viel mehr als das, was Genesis 1 aufzählt – mehr Tier- und Pflanzenarten zum Beispiel. All das hat Gott gemacht, »und siehe, es war sehr gut« (Gen 1,31). Auch unterschiedliche sexuelle Orientierungen sind daher Teil von Gottes guter Schöpfung.

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 14/2019 vom 26.07.2019, Seite 32
Homosexualität und Kirche
Homosexualität und Kirche
Wo ist das Problem?

»Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel.« (Levitikus 18,22). Der Vers klingt wie ein generelles Verbot männlicher Homosexualität. Aber aus dem Kontext wird deutlich, dass er nur ein Teil von mehreren Vorschriften ist, die sich an eine Gemeinschaft in einer besonderen Situation richten. Diese Gemeinschaft war in ihrer Existenz bedroht und von der Zeugung von Nachkommen abhängig. Daher verbot sie sexuelle Handlungen, die zu keiner oder zu einer ungeordneten Nachkommenschaft führten: Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden Frau (Lev 18,19) oder mit einem Vieh (18,23) bringt keine Nachkommen. Mit einer anderen als der eigenen Frau zu schlafen (18,20) führt, insbesondere wenn es zu einem Kind kommt, zu erheblichen sozialen Konflikten. Gibt man seine Nachkommen als Arbeitskräfte an die fremde Besatzungsmacht (Chiffre: »für Moloch«, 18,21), sind sie für die eigene Gemeinschaft verloren. Hat ein Mann Samenerguss bei einem anderen Mann statt bei seiner Frau (18,22), gibt es keine Nachkommen. Heute gefährden gleichgeschlechtliche Sexualakte nicht mehr das Überleben einer Gemeinschaft. Vielmehr müssen Menschen ihre Sexualität so gestalten, dass sie ihrer Verantwortung für die Gemeinschaft, in der sie leben, gerecht werden. Sexualität hat immer eine soziale Komponente.

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Die Männer von Sodom (Gen 19,5). Seit Jahrtausenden verdächtigt man die Männer von Sodom der Homosexualität, weil sie von Lot verlangen, dass er seine Gäste herausgibt: Sie wollen mit ihnen »verkehren«. Die Männer wollen mit Lots Gästen sexuellen Analverkehr ausüben – aber warum? Nach Gen 19,4 sind alle Männer von Sodom, Jung und Alt, alles Volk von weit und breit, zusammengekommen – sollten wirklich alle homosexuell sein? Welchen Sinn hätte es dann gehabt, dass Lot zum Ersatz seine Töchter anbietet? In Genesis 19 geht es nach all dem nicht um (Homo-)Sexualität. Vielmehr wollen die Männer von Sodom das Gastrecht brechen und durch analen Geschlechtsverkehr die Gäste Lots – und damit Lot selbst, der in Sodom auch ein Fremder ist – demütigen. Das war eine verbreitete Kriegstaktik. Die Sünde der Männer von Sodom ist also nicht Homosexualität, sondern die brutale Unterdrückung von Fremden und Schutzbedürftigen durch Vergewaltigung. Dafür werden sie bestraft.

David liebt Jonathan (1 Samuel 18,1-4; 2 Samuel 1,26). David liebte Jonathan, den Sohn Sauls, wie sein eigenes Leben (1 Sam 18,3). Nach Jonathans Tod in der Schlacht trauert David: »Wunderbarer war deine Liebe für mich als die Liebe der Frauen.« Mehr steht darüber nicht in den Samuelbüchern, und doch hat man David und Jonathan eine homoerotische Beziehung zugeschrieben. Eine tiefe Männerfreundschaft, die das übliche Maß übersteigt, ist jedoch wahrscheinlicher als die Unterstellung gleichgeschlechtlicher sexueller Akte. Diese hätte man den beiden zur Zeit der Entstehung von Levitikus 18,22 (s. o.) negativ angekreidet. Freilich ist der Text recht offen, sodass man das heutige Konzept homosexueller Liebe zwischen zwei Männern hineinlesen könnte. Man kann die Bibel allerdings weder für noch gegen »Homosexualität« instrumentalisieren. Eine Partnerschaft von gleichberechtigten Menschen mit gleichgeschlechtlicher Orientierung ist ein neuzeitlicher Lebensentwurf, mit dem sich die Bibel nicht auseinandersetzt.