Editorial
Über komplizierte Beziehungen zur USA, einen klarsichtigen Papst und Sonnenanbetung mit Einschränkungen
im Sommer vor acht Jahren bereitete ich mich auf ein Auslandssemester in den USA vor und haderte mit meiner Entscheidung: Das Land war mir eigentlich unsympathisch, noch dazu regierte Donald Trump, und in meinem deutschen Städtchen hatte ich mich gerade so schön eingelebt. Doch die Uni hatte ein Partnerprogramm mit einem richtig guten Ostküsten-College und das Visum war da – ich landete also mit Bauchschmerzen in New York.
Keine vier Wochen später war ich wie ausgewechselt. Alle Vorurteile hatten sich bestätigt (überall riesige Plastikbecher voll klebriger Softdrinks, unbezahlbare Lebensmittel, US-Flaggen in den Vorgärten). Doch jetzt hatte ich auch die andere Seite gesehen: Menschen voller Tatendrang, ständig auf der Suche nach Gleichgesinnten; die weit verbreitete Zuversicht, dass man die Dinge verändern könne; eine unglaubliche Wertschätzung für kreatives Arbeiten. Dieses Amerika hatte mich gepackt.
Im Gespräch mit der Theologin Hille Haker habe ich eine ähnliche Begeisterung gespürt. Sie möchte die USA feiern, doch sie ist in tiefer Sorge um die Freiheit der Menschen, besonders der Minderheiten. Und auch Arnd Henze berichtet von seiner innigen Beziehung zu Amerika, die in den vergangenen Jahren arg gelitten hat. Beide sind beeindruckt von der Kultur des Protests und der Solidarität in den USA. Vielleicht kann der Blick auf diese eingeübten Fähigkeiten einen Weg weisen aus der düsteren Gegenwart.
Wenn Sie dieses Heft in Händen halten, sind die ersten Tore bei der Fußball-WM der Männer wohl schon gefallen. Genau der richtige Zeitpunkt für Ronny Blaschkes kenntnisreichen Artikel über die unheimlichen Verflechtungen von Sport und Politik. Empfehlen möchte ich Ihnen auch Armin Grunwalds Analyse der päpstlichen KI-Enzyklika. Kirchenferne Beobachter stellen erstaunt fest, dass der Papst etwas Hörenswertes über unsere Gegenwart zu sagen hat: Der Mensch ist genug, die Technologie kann ihn nicht ersetzen.
Aber starten Sie doch weiter hinten im Heft: Nora Gomringer erzählt uns von ihrer Vorliebe für die Randstunden der Sonne. Die schenkt uns inzwischen auch frühmorgens und spätabends Licht zum Lesen. Genießen Sie es!
Judith Bauer ist Redakteurin bei Publik-Forum.

