Buchbesprechungen
Wer entscheidet über Liebe und Leben?
Helena Barop
Mythen, Macht und Muttermund
Siedler. 400 Seiten. 26 €
Die Historikerin führt uns durch die Geschichte der Geburt, von der Antike bis zur Gegenwart. Der Fokus änderte sich über die Jahrhunderte stetig: Mal war es das Leben der Mutter, mal die Seele des Kindes, mal Forschungsinteressen oder die korrekte medizinische Durchführung. Schmerzen, Tod und geburtshilfliche Handlungen wurden je nach Epoche divers bewertet. Dies wird an anschaulichen Geburtsberichten sichtbar. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die Beteiligten: die Gebärenden, umsorgende Frauen, Geburtshelferinnen und Geburtshelfer und Ärztinnen und Ärzte. Die Geschichte der Geburt ist zugleich eine Geschichte über Geschlechterhierarchien, Entscheidungsmacht und die Auseinandersetzung zwischen Erfahrungswissen und beginnender Akademisierung. Der Autorin gelingt es, wissenschaftlich fundiert die Geschehnisse einer großen Zeitspanne in die gesellschaftlichen Kontexte einzuordnen und sehr einprägsam zu erzählen. Ein Buch, das nachwirkt. Heide Hällmayer
Achim Beier/Uwe Schwabe (Hg.)
»Wir haben nur die Straße«
Mitteldeutscher Verlag. 250 Seiten. 19,95 €
Die Leipziger Demonstration vom 9. Oktober 1989 mit 70 000 Teilnehmern war entscheidend für die Entwicklung der DDR, die Montagsdemonstrationen ein Motor der Friedlichen Revolution. An ihnen wurde deutlich, dass die Politiker nicht Treiber waren, sondern Getriebene. In dem Buch sind Reden gesammelt, die zwischen Oktober 1989 und März 1990 auf den Montagsdemonstrationen gehalten wurden. So lässt sich nachvollziehen, wie die Stimmung umschlug. Die Empörung über den gemeinsamen Feind Staatsführung und SED vereinte die Demonstranten. Aber sehr bald artikulierten sich unterschiedliche Interessen. Schon im November warnten Redner vor dem »Ausverkauf« an den Westen. Im Dezember wurde vor Links- und Rechtsextremismus gewarnt. Im Januar begann der Wahlkampf. Für alle, die sich über den Weg zur staatlichen Einheit differenziert informieren wollen, ist dieses Buch eine zuverlässige Dokumentation. Jürgen Israel
Corinne Low
Femonomics
Piper. 336 Seiten. 22 €
Die amerikanische Ökonomin Corinne Low verbindet in ihrem Ratgeber betriebswirtschaftliches Denken mit den alltäglichen Lebensentscheidungen von Frauen. Sie rät dazu, sich der eigenen Prioritäten zwischen Karriereorientierung, persönlichen Interessen sowie Familien- und Care-Arbeit klar zu werden und dann gestützt auf aktuelle Studien und Daten strategisch vorzugehen. Low zeigt, dass persönliche Entscheidungen – etwa zu Wohnort, Stellenwahl oder der Aufteilung von Haus- und Betreuungsarbeit – erheblichen Einfluss auf Lebenszufriedenheit und materielle Absicherung haben, ohne dabei die Notwendigkeit struktureller Veränderungen zu leugnen. Der ausgeprägt US-amerikanische Zuschnitt ihrer Beispiele lässt sich nicht bruchlos auf deutsche Verhältnisse übertragen, aber wer das Thema Vereinbarkeit einmal aus einer ungewohnten, nüchtern-analytischen Perspektive durchdenken möchte, findet hier gute Anregungen. Antje Schrupp
Anna Mense
Vom Vermögen zu lieben
Meiner. 406 Seiten. 48 €
Anna Mense will zeigen, dass Negativität und Leiden zur Liebe gehören und Veränderungen anstoßen können. Deshalb sei es notwendig, den romantischen Liebesbegriff zu revidieren. Denn dieser werde idealisiert, spalte Negativität weitgehend ab und verhindere einen Lernprozess. In drei akribisch gearbeiteten Kapiteln sucht sie dieses Ziel zu erreichen. Sie analysiert Tilmann Mosers »Stufen der Nähe« und will daran aufzeigen, dass aversive Gefühle wie Wut und Hass, aber auch Trauer, innerhalb einer Liebesbeziehung vorkommen und Wachstum im Liebesprozess ermöglichen können. Im zweiten Kapitel erläutert sie, wie Geschlechterungerechtigkeit Männern die Macht gibt, Frauen über deren Bindungsbereitschaft zu dominieren. Die romantische Ideologie führe zu Liebesleiden und Gewalttaten. Einen Ausweg, der die Problematik romantischer Beziehungen vermeidet, sieht sie, wenn romantische Liebe im Sinne der aristotelischen »philia« (Freundschaft) begriffen wird. Der Begriff weite das Spektrum von Liebe, betone die Gegenseitigkeit und die Notwendigkeit, zu lernen. Helmut Jaschke
Thomas Arnold/Thomas Fuchs
Das unersättliche Selbst
Suhrkamp. 200 Seiten. 28 €
Thomas Arnold, Akademischer Rat am Philosophischen Seminar der Universität Heidelberg und Thomas Fuchs, Professor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg, stellen eine »Phänomenologie des Narzissmus« vor. Ausführlich schildern sie entwicklungspsychologische und klinische Kennzeichen sowie gesellschaftliche Faktoren einschließlich der neuen Medien, untermauert durch eindrucksvolle forensische Beispiele von Menschen, die andere in massiver narzisstischer Verblendung getötet haben. Zahlreiche Beispiele aus Literatur und Kunst verschiedener Jahrhunderte illustrieren destruktive Selbstüberschätzung. Das Werk leidet unter dem auf Karl Jaspers zurückgehenden Phänomenologie-Verständnis des Narzissmus und anderer psychopathologischer Zustände als kategorial anders. Es gebe keinen gesunden oder primären Narzissmus, womit sich die Autoren gegen den psychoanalytischen und psychiatrischen Mainstream stellen, der mit Sigmund Freud das Kontinuum zwischen Krank und Gesund betont.
Klaus Hoffmann
