Gastkolumne
Nächstenliebe
In Paris sind bei Terroranschlägen 130 Menschen umgekommen. Und in der Kaffeepause hat mir Maya ihre Geschichte erzählt. Seit fünfzehn Jahren arbeitet sie als Reinigungskraft in einem Altersheim in der Nähe von Zürich. Jeden Donnerstag kommt ein blinder alter Mann, um das Therapiebad des Heims zu nutzen. Am letzten Donnerstag nun sieht Maya, wie der Mann plötzlich schwankt und unsicher nach dem Treppengeländer sucht. Sie lässt ihren Putzwagen stehen, hilft dem Mann zur Treppe und führt ihn ins Bad. Unterwegs trifft sie ihre Vorgesetzte. »Das gehört nicht zu deinem Aufgabenbereich. Überlass das den Pflegerinnen und kümmere dich um deine Arbeit.« Als Maya mir diese Geschichte erzählt, ist sie immer noch aufgewühlt. »Was ist das für eine Welt?« Natürlich ist diese Vorgesetzte eine »dumme Kuh«, aber leider hat sie sich mustergültig verhalten. In den allermeisten Betrieben ist heute sehr genau geregelt, wer was machen darf, wie weit »Kompetenzen« gehen. Die Arbeitskräfte sollen konform und professionell tun, wofür sie bezahlt werden. Nichts mehr, nichts weniger. Das verlangen die Versicherungen und das Diktat der Effizienz und Gewinnmaximierung. Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, es gibt keine Terror-Organisation auf der Welt, die unsere Gesellschaft ähnlich schlimm zerstören kann, wie dieses neoliberale System es tut, das uns mehr und mehr die Nächstenliebe und das Menschsein verbietet. Und ich glaube, das Stärkste, was man dem Terrorismus entgegenhalten kann, ist eine Gesellschaft, um deren gelebte Werte es wirklich schade wäre …
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