Leserbrief
Bild heruntergefallen
Meine Frau und ich – nur wenig älter als Konstantin Wecker – haben seit jungen Jahren in glühender Anhängerschaft viele Veranstaltungen von ihm mit Begeisterung besucht. So bewegt uns nun das Interview von Marie Franz zutiefst. Die Ausführungen von Frau Franz sind sehr glaubwürdig und nachvollziehbar. Meine Irritation und Enttäuschung über das Verhalten von Konstantin Wecker hätten etwas Milderung erfahren, wenn er den Mut zu einer ehrlichen Entschuldigung aufgebracht hätte – vielleicht geschieht das ja doch noch? Dass er stattdessen bisher durch seinen Presseanwalt eine ablehnende Antwort übermittelt hat, enttäuscht uns zutiefst. Hat er doch in früheren Jahren glaubwürdig vermittelt, dass man zu seinen Fehlern stehen darf, und hatte er doch gerade deshalb auch eine Vorbildfunktion. Hans Dieter Becker, Herrenberg
Ich hatte schon gehört von der 16-jährigen jungen Frau, von der Konstantin Wecker sagte, sie hätten einvernehmlichen Sex gehabt. Das hat mein Bild von ihm ins Wanken gebracht. Ihr Artikel lässt mein Bild von ihm geradezu herunterfallen. Erst dieser Tage habe ich im Französischkurs sein Lied zitiert »Sage nein«, das mich vor einigen Jahren in meinem Beruf ermutigt hat, zu einer Entwicklung Nein zu sagen, die ein Nein erfordert hat. Es war mutig und hatte Konsequenzen, die nicht leicht waren. Aber ich bin heute noch stolz darauf. Und ich war beeindruckt, was dieses Lied in mir bewirkt hat. Nicht Stellung zu nehmen und zu sagen: »Ich war ein Schwein und bereue es aufrichtig«, ist sehr enttäuschend und schmerzt mich für die jungen Frauen. Und mir geht es wie damals als junges Mädchen, als mir mein Großvater anvertraute, dass der nette alte Mann auf dem Bänkle im Dorf im Schwarzwald ein Obernazi war, der Menschen verraten hat. Es tut weh, wenn die eigenen Wahrnehmungen so sehr infrage gestellt werden. Birgit Nußberger, Darmstadt
Ich habe gerade das Video des Konzerts von Konstantin Wecker mit Joan Baez und Mercedes Sosa angesehen, und es bleibt in mir nach der Lektüre Ihres dreiseitigen Interviews mit Marie Franz über Sex mit Teenagern, die noch unter 18 Jahre alt waren, ein differenziertes Bild zurück. Sie berichten, dass Konstantin Wecker auf eine Stellungnahme verzichtet. Ich hätte mir einen umfassenderen Blick auf Konstantin Wecker gewünscht. Ihn auch noch in seinem Engagement »für Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit« als letztlich moralisch unglaubwürdig darzustellen, das wird ihm nicht gerecht. Sie erwähnen, dass er zum Interviewtext keine Stellung nimmt. Sie stellen aber in diesem Zusammenhang keinen Bezug zur Frage her, ob das etwas mit seiner Krankheit, wegen der er Konzerte absagt, zu tun hat. Jemand Kranken so an den Pranger zu stellen – ich stelle infrage, ob Publik-Forum damit seinem Anspruch »christlich, kritisch« gerecht wird. Bernhard Trautvetter, Essen

