Kinotipp: Schwarze Häuser
Das Schicksal der Verschickungskinder
Kino. »Das Kind braucht dringend Luftveränderung.« Welche gestresste Mutter konnte Nein sagen angesichts der ärztlichen Empfehlung, ihren blassen Dreikäsehoch zur kostenlosen Erholungskur zu schicken, an einen Ort in schöner Natur und unter liebevoller Betreuung? 12 Millionen Kinder wurden von 1950 bis 1990 in etwa 2000 Kinderheilanstalten »verschickt«, wo sie »wieder aufgepäppelt« werden sollten. Schwarz-weiße Wochenschaubilder zeigen fröhlich winkende Knirpse beim Besteigen des Zugs. Die Realität sah anders aus. Viele Verschickungskinder kehrten traumatisiert zurück und sprachen erst als Erwachsene über ihre traumatischen Erlebnisse.
Ausgehend von den Erfahrungen der eigenen Mutter, beleuchtet die Regisseurin in ihrer Dokumentation ein lange totgeschwiegenes Massenphänomen, das zu den dunkelsten Kapiteln der Nachkriegsgeschichte zählt. Betroffene berichten von Drill, Erniedrigungen und sexuellem Missbrauch. Sie wurden fixiert, sediert, geschlagen. Kinder, vor Angst erstarrt, machten ins Bett, mussten ihr Erbrochenes aufessen und auf Postkarten an die Eltern schreiben, wie gut es ihnen gehe. Hauptkronzeugen sind die Autorin Sabine Ludwig, die ein Buch über ihre »Erholungskuren« schrieb, und Detlef Lichtrauter, der die »Initiative Verschickungskinder« gründete.
Viele Aspekte dieser Heimindustrie werden nur angetippt: Es war ein lukratives System. Jugendämter, Krankenkassen und Ärzte bekamen Prämien pro Kind. Dazu kam der Zeitgeist: Viele der Menschen, die auf die Kinder losgelassen wurden, hatten ehemals in KZs gearbeitet. Die Eltern wurden als Kinder selbst verprügelt und wollten das Leid ihrer Kinder nicht sehen. So regt der Film vorrangig zur weiteren Aufarbeitung an – und auch dazu, in heutigen Heimen genauer hinzuschauen.

