Tradition und Touchscreen
Es ist 6:30 Uhr morgens. Ein Griff zum Smartphone, noch bevor der Tag richtig begonnen hat. Zwischen Nachrichten, E-Mails und Terminen erscheint eine Aufforderung: »Zeit zu beten! – Tippe hier, um deine Routine zu starten.« Ein Fingertipp, es öffnet sich eine App – schlicht gestaltet, minimalistisches Design, fast sakral inszeniert. Eine ruhige Stimme setzt ein. Sanft, professionell produziert. Minuten später zeigt ein Fortschrittsbalken an, dass das tägliche Gebet absolviert ist. Die »Gebetsserie« hält an, das »Gebetsziel« wurde erreicht, und die »gebeteten Minuten« verlängern sich. Ein erster morgendlicher Erfolg – spirituell gerahmt, technisch vermittelt. Hört sich vielleicht ungewohnt an, ist aber die Realität von mehr als 22 Millionen Gläubigen. Sie nutzen die Gebets-App Hallow. »Hallow« ist ein Verb, auf Deutsch heißt es »heiligen«.
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Markus Weißer ist Professor für Dogmatik und theologische Gegenwartsfragen an der Universität Passau.
Julia Bischl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl. Beide forschen über Auswirkungen künstlicher Intelligenz und Gebets-Apps auf die Religion.

