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Leserbrief
Die Einfachheit Jesu

vom 26.05.2026
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Ich entnehme der Bemerkung über die »verbreitete Praxis der selektiven Schriftrezeption« eine bestimmte Zielrichtung: das gläubige katholische Volk. Mir fehlt dabei das Einschließen jener, die die Schriften erzeugt, ausgelegt und dogmatisch verdichtet haben – also Gotteswort in Menschenwort übertragen haben. Gelegentlich wird angemerkt, Jesus sei kein Doktor der Theologie gewesen, aber die Jünger waren auch keine Theologiestudenten – und ich ebenfalls nicht. Dennoch hat Jesus ihnen zugemutet, ihn zu verstehen, wenn auch nicht immer erfolgreich. Dabei ging es ihm vor allem um Zuwendung, Vergebung, Beziehung und Zumutung. Ob ein Bischof verheiratet sein darf, dürfte ihn kaum beschäftigt haben. Ebenso wenig vermutlich die Frage, ob eine Taufe ungültig ist, wenn der Taufende lediglich zum Ausdruck bringt, dass der Täufling in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Bei Jesus erscheint vieles vergleichsweise einfach. Die Schriftgelehrten heute erkennen darin jedoch einen weitreichenden Interpretationsbedarf. Geraten sie dabei womöglich in die Gefahr, die Vielfalt möglicher Perspektiven auf die eigene Perspektive zu verengen? Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen teile ich vielfach nicht. Die Stellung der Frau in der Kirche, die Exklusivität durch Weihe, die persönliche Berufung von Priestern durch den Heiligen Geist, die lebenslange Jungfräulichkeit Mariens oder die Erbsündenlehre werden aus der Schrift herausdestilliert, sind für mich aber keine eigentlichen Lehrsätze Jesu. Elmar Westerbarkey, Gütersloh

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 10/2026 vom 29.05.2026, Seite 62
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Das, was uns passt – das, was zu uns passt, so, wie Gott jeden von uns geschaffen hat – einzigartig und mit dem Geist Gottes ins Leben gerufen. Natürlich sind auch andere Kräfte wirksam. Entscheidend ist also, welchen Kräften wir uns öffnen – weniger, welche Regeln wir einhalten. Wer ein Amt mit Verantwortung für viele Menschen übernimmt, muss danach ausgewählt und berufen werden, welche Fähigkeiten, welchen Erfahrungsschatz, welche Mentalität und welche Kompetenzen – kurz: welche Gaben und Begabungen er oder sie von Gott bekommen hat. Das ist natürlich sehr viel schwieriger zu bewerten, als ein klares Regelwerk anzuwenden. Es ist aber entscheidend. Und das schaut auch immer aus den »Ritzen« der Erfahrungen hindurch, wenn Regeln formuliert werden. Regeln sind aber eher starr und nicht in der Lage, individuelle Gegebenheiten wirklich angemessen zu bewerten. Tilmann Wolf, Scheidegg

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