Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,
bei der Krönung von König Charles III. konnte alle Welt ungläubig bestaunen, wie tief die Verbindung von Kirche und Königtum immer noch ist. Die Salbung mit Öl, das eigens aus Jerusalem herbeigeschafft worden ist, schlägt eine Verbindung zu den Königen des Alten Testaments. Die ganze Liturgie lief darauf hinaus, den britischen König als Gesalbten Gottes darzustellen. Die »Modernisierungen«, die das Ritual inklusiver gestalten und der pluralen Gesellschaft Großbritanniens Rechnung tragen sollten, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass in diesem Gottesdienst die jahrhundertelange Idee vom Gottesgnadentum als Legitimation weltlicher Herrschaft reinszeniert wurde. Dabei hat das Christentum ein starkes demokratisches Potenzial, auch wenn die Demokratie gegen die Kirchen erkämpft werden musste. Worin dieses Potenzial besteht und warum das Christentum oft unter seinen Möglichkeiten geblieben ist – darüber haben wir mit dem Philosophen Otfried Höffe gesprochen (Seite 12).
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Michael Schromist Leiter des Ressorts »Religion und Kirchen«.
