Oder doch Sankt Judas?
Das letzte Gespräch zweier Freunde vor dem schwersten Gang in ihrem Leben: zum Sühne- und Opfertod ans Kreuz der eine, in Suizid und den Ruch des ewig verdammten Erzverräters der andere. Die Verabredung, die sie dazu haben und wie sie darüber reden, irritiert. Indem nämlich Jesus und Judas die Detailplanung der sogenannten Heilsgeschichte übernehmen, treten sie selbst aus dieser Geschichte heraus – werden sie doch so zu deren Autoren. Als machten sie sich selbstständig, wenn auch um den Preis großer Einsamkeit, deren Faustpfand bloß ihre Freundschaft ist. Lieber als die befremdliche Erzählung von Wolfdietrich Schnurre ist uns wohl die vertraute Version und somit auch jene Sicht auf Judas, wie sie die Erzähler der Evangelien nahelegen: dass er die vom Rabbi an seiner Brust genährte Natter sei. Oder gar der »Sohn des Verderbens« (Johannesevangelium 17,12), was »der dem Vernichtetwerden Geweihte« bedeutet und an anderer Stelle, dem zweiten Thessalonicher-Brief (2,3), den Antichristen, den Teufel, meint. Bis zum Brauch des antisemitisch infizierten Judasverbrennens war es von dort nicht mehr weit.
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Udo Feist ist evangelischer Theologe und Journalist. Er lebt in Dortmund.
