»Die Wahrheit wird euch befreien«
Ein Mensch streckt die Arme in den Himmel, sein Gesicht hebt sich nach oben. Das Holz, aus dem die Skulptur geschnitten wurde, wirkt zerklüftet, zerrissen, ja geschunden. Keine Füße, keine Bodenhaftung, und dennoch eine starke Kraft im Ausstrecken nach oben. Die Figur hängt in einer Seitenkapelle der Kirche von Unterwössen zwischen einer Darstellung der Verurteilung Jesu durch Pilatus und einer Kreuzigungsszene. Mir wird klar: Die Holzskulptur stellt den auferstehenden, den befreiten Christus dar. Doch sie steht auch für andere. Für die, denen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, deren Körper und Seelen gezeichnet und zersägt wurden. Das wird mir deutlich beim Blick auf die beiden Fenster der Kapelle. Dort lese ich: »Viele wollten die Wahrheit nicht hören. Den Opfern des Missbrauchs wurde durch das Schweigen der Kirche viel Leid zugefügt.« Im gegenüberliegenden Fenster ein Vers aus dem Johannesevangelium: »Die Wahrheit wird euch befreien.«
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Barbara Haslbeck, geboren 1972, arbeitet an der Universität Regensburg zu Missbrauch an Ordensfrauen. Sie gehört zum Leitungsteam der Initiative GottesSuche, in der Missbrauchsbetroffene sich vernetzen (www.gottes-suche.de).
