Worum es in Hongkong geht
Jedes Mal, wenn aus Hongkong eine hochrangige Delegation nach Peking pilgert, bestätigt allein der Besuch, wie sehr die Hongkonger Elite Pekings Gunst braucht. Ihr wird diese Gunst zuteil, und sie bedankt sich artig dafür. So war es bisher. Am 22. September empfing Chinas Staatschef Xi Jinping wieder eine Delegation. Ihr gehörten Milliardäre wie Li Ka-shing an, dessen Worte Befehlscharakter in Hongkong haben. Xi Jinping gelobte, Hongkongs Autonomie nach dem Modell »Ein Land, zwei Systeme« bleibe unantastbar.
Die Hongkonger Wirtschaftselite schweigt
Doch diesmal zeigten die Pilger keinen Dank mehr und gelobten auch nicht, Hongkongs Wirtschaft würde mit Peking durch dick und dünn gehen. Sechs Tage später, am 28. September, protestierten Zigtausende Hongkonger auf der Straße gegen die Pekinger Macht. Grund war, dass die chinesische Regierung angekündigt hatte, die Hongkonger 2017 nicht wie versprochen ihren Verwaltungschef frei wählen zu lassen. Stattdessen soll ein von Peking vorbestimmter Kandidat inthronisiert werden. Die Unruhen, die daraufhin ausbrachen, dauern noch an. Und die sonst Peking hörige Wirtschaftselite Hongkongs schweigt. Niemand aus den Clubs der Reichen tritt auf und ergreift mit Appellen, man möge Hongkongs Wirtschaftszukunft nicht mittels zivilem Ungehorsam aufs Spiel setzen, Partei für China. Solche Aufrufe haben die Reichen Hongkongs dem Fußvolk sonst nach jeder »Pekinger Pilgerreise« verabreicht. Diesmal aber herrscht Funkstille.
In aller Stille, aber mit voller Wucht, flieht Kapital aus Hongkong und aus China in die USA, nach Europa und Kanada. Allein Hutchison Wampoa und Cheung Kong Holdings, Flaggschiff-Firmen von Milliardär Li Ka-shing, der auf der Liste der reichsten Menschen weltweit auf Platz zwanzig steht, haben 2013 laut asiatischen Analysten rund siebzig Prozent ihrer Beteiligungen auf dem Festland aufgegeben.
Die Folge für China ist katastrophal, denn Li ist einer der größten Immobilienhaie, und seine Gelder haben Chinas hochspekulativen Immobilienmarkt bisher von Hype zu Hype getrieben. Flieht er, ist das Signal klar: Weder China noch Hongkong sind noch lukrativ und sicher. Insofern vermittelt das Schweigen der Wirtschaftselite Hongkongs zu den Protesten auf den Straßen eine Botschaft, die lauten könnte: Wir »freie Kapitalisten« trauen der Pekinger Staatsmacht nicht mehr über den Weg und wählen die Kapitalflucht.
Doch diese Botschaft wirkt nicht nur von Hongkonger Seite auf Peking bedrohlich. Denn bereits vor dem Ausbruch der Unruhen in Hongkong tobt vor allem in Südchina, das seit zwanzig Jahren mit Hongkong verwächst, ein Kampf: »freie« Wirtschaft versus Staatskontrolle. Im April wurde in Städten wie Dongguan und Shunde in Südchina das »horizontale Gewerbe« über Nacht aufgehoben – angeblich um gegen Pornografie vorzugehen.
Im September wurden freie Wirtschaftsmedien wie das Magazin 21. Jahrhundert mit Sitz in Guangzhou, der größten Metropole Südchinas, zwangsgeschlossen. Der Vorwurf: Journalisten dieser Medien hätten Manager staatlicher Konzerne mit Enthüllungsdrohungen erpresst. Und der Kampf gegen die Korruption bringt »Opfer« aus der südchinesischen Wirtschaft mit sich, vorzugsweise Privatunternehmer, die »Landschaftspflege« bei Politikern in Peking betreiben – ein Muster, das mit der Reformpolitik seit 1979 aus Hongkong nach China übergeschwappt ist.
Christliche Anführer der Proteste
Die Verwicklung kapitalistischer Wirtschaftseliten in das aktuelle Geschehen in Hongkong ändert nichts am demokratischen Charakter der dortigen Studentenproteste. Sie erhöht die Komplexität des Geschehens über Hongkongs Grenzen hinaus: Kaum eine soziale Schicht ist nicht involviert, hüben wie drüben. Kapitalflucht kostet in Südchina Wanderarbeiter den Job, Kapitalanleger in Hongkong Gewinnchancen. Aktivisten sind wütend, weil ihre Proteste in Peking auf taube Ohren stoßen; Konsumfetischisten genervt, da Shoppingcenter nicht mehr 24 Stunden offen stehen.
Indes erreichen die Risse gleichsam Atheisten wie Christen. Von den drei Anführern der Protestbewegung in Hongkong, so wetterte ein chinesischer Linker im Internet, »sind zwei Christen, einer davon Pfarrer, während der Studentenanführer auch ein verblendeter Gottesgläubiger ist! Wo kämen wir Chinesen hin, wenn wir all dies in Hongkong zuließen?!« Unklar, ob der Mann weiß, dass auch die christlichen Kirchen in Hongkong angesichts der Frage, wie sie sich zu den Protesten positionieren sollen, zutiefst gespalten sind.
