Zur mobilen Webseite zurückkehren

Wie fair ist Fairtrade?

Gepa und andere Importeure für fair gehandelte Produkte distanzieren sich vom Fairtrade-Siegel. Sie erheben den Vorwurf, dass die Organisation niedrigere Standards akzeptiert, um mehr Umsatz zu machen
von Claudia Mende vom 07.07.2012
Artikel vorlesen lassen
Bananen aus fairem Handel: Das Siegel des Vereins TransFair garantiert soziale Standards bei der Produktion, manchen großen Fairtrade-Importeuren sind sie zu niedrig. (Foto: pa/Fairtrade)
Bananen aus fairem Handel: Das Siegel des Vereins TransFair garantiert soziale Standards bei der Produktion, manchen großen Fairtrade-Importeuren sind sie zu niedrig. (Foto: pa/Fairtrade)

Der faire Handel ist im Umbruch. Während die Produkte beim Verbraucher immer beliebter werden, spitzt sich der Streit um die Ziele des fairen Handels zu. Jetzt hat die Gepa, Europas größter Importeur fair gehandelter Produkte, entschieden, nach und nach das Fairtrade-Siegel von den meisten ihrer Waren zu entfernen und es durch ein »Fair-plus«-Zusatzzeichen zu ersetzen. Fair-plus ist zwar kein Label, es soll aber dem Verbraucher signalisieren, dass die Gepa ihren Produzenten einen höheren Standard garantiert als Fairtrade.

Anzeige
loading

Vier Fünftel aller fair gehandelten Waren in Deutschland tragen das TransFair-Siegel

Für die Siegelorganisation TransFair ist das ein herber Schlag. Denn nicht nur die Gepa, immer mehr Importeure distanzieren sich von dem Siegel Fairtrade und vermarkten eigene, höhere Standards. Dadurch gerät TransFair in den Verdacht, die eigenen Standards um eines höheren Umsatzes willen aufzuweichen. Dabei ist der faire Handel angetreten, damit sich Produzenten in Afrika, Asien und Lateinamerika durch eigene, gerecht bezahlte Arbeit aus der Armut befreien können. Das bedeutet vor allem Mindestpreise, die in der Regel über dem Weltmarktpreis liegen, und feste, langfristige Abnahmeverträge.

Die von kirchlichen Institutionen getragene Siegelorganisation TransFair ist in Deutschland der größte Akteur im fairen Handel. TransFair importiert keine Produkte, sondern gewährt Lebensmitteln das Siegel, wenn sie die gesetzten sozialen Bedingungen an einen fairen Handel erfüllen. Dann werden sie in Supermärkten wie Rewe oder Edeka und Discountern wie Aldi oder Lidl verkauft. Über vier Fünftel aller fair gehandelten Waren in Deutschland hatten 2011 das TransFair-Siegel, das in diesem Jahr zwanzig Jahre alt wird. Seit Jahren steigt der Umsatz der von TransFair gesiegelten Produkte: 2011 gab es eine Steigerung um 18 Prozent auf mehr als 400 Millionen Euro. Weltweit profitieren über 1,2 Millionen Kleinbauern und Arbeiter in 63 Ländern von Fairtrade.

Fair gehandelte Schokosplitter im Joghurt reichen für Siegel

Doch die Kritik an Transfair wächst. Mehrere Eine-Welt-Handelshäuser werfen der Siegel-Organisation vor, die Bedingungen für den fairen Handel zu verwässern. Zum Beispiel durch die 2011 verabschiedeten Vorschriften für sogenannte gemischte Lebensmittel. Die Fairtrade Labelling Organisation (FLO), die internationale Dachorganisation von Transfair, hat den geforderten Anteil von fair gehandelten Zutaten in einem Mischprodukt von fünfzig auf zwanzig Prozent gesenkt. Jetzt könnte zum Beispiel ein konventionell produzierter Joghurt mit fairen Schokosplittern bereits als »fair« gehandelt durchgehen. Bei Transfair hält man diese Entscheidung für unausweichlich, um dauerhaft auf dem Massenmarkt für Lebensmittel mithalten zu können.

Fairhandels-Importeure wie dwp in Ravensburg oder El Puente halten die Neuregelung dagegen für ärgerlich. Sie beliefern vor allem Weltläden, kirchliche Aktionsgruppen sowie den Einzelhandel und bieten ihren Produzenten in der Dritten Welt höhere Preise als Transfair. Für Martin Lang von dwp verzerrt Transfair den Wettbewerb, wenn Unternehmen die Möglichkeit erhalten, ihre Waren mit dem Etikett des fairen Handels zu versehen, auch wenn sie nur wenig fair Gehandeltes enthalten.

Zertifizierter Plantagenanbau verdrängt Kleinbauern

Umstritten ist auch, ob beim fairen Handel vor allem Produkte von Kleinbauern gehandelt werden – oder ob auch Plantagen zertifiziert werden. Bei der Gepa werden Plantagen nur in sorgfältig geprüften Einzelfällen, etwa bei Tee, akzeptiert. Im internationalen TransFair-System gehören aber vor allem beim Kaffee Großplantagen schon längst zu den Anbietern.

Das ruft zusehends Kritik bei den Produzenten im Süden hervor. »Für Kleinbauern ist es immer schwerer, ins System reinzukommen oder sich zu halten«, berichtet Martin Lang von dwp. Der Grund: Plantagen als größere Produzenten können ihre Waren billiger verkaufen als Kleinbauern. So können in Südafrika die Rooibos-Pflanzer von der Highveld Kooperative nicht zu dem Preis produzieren, den FLO fordert. Ihre Konkurrenten von den Großplantagen haben es da leichter – sie gehören meist Weißen und haben die besseren Böden. Highveld liefert stattdessen über den Importeur dwp an Weltläden, die ihnen das Doppelte des FLO-Preises zahlen. Da 85 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe in der Dritten Welt kleinbäuerliche Familienbetriebe mit bis zu vier Hektar Land sind, sind sie für eine entschlossene Bekämpfung der Armut im Süden besonders wichtig.

Die Entscheidung der Gepa, die einst von den Kirchen gegründet wurde, ist eine Folge des verschärften Wettbewerbs. »Wir mussten uns neu positionieren«, sagt Barbara Schimmelpfennig von der Gepa. 2011 musste die Gepa regionale Zentren schließen, danach hat sie ein Premium Segment, neue Geschmacksrichtungen und ansprechende Verpackungen eingeführt. Jetzt will sich die Gepa mehr auf ihre eigenen Stärken besinnen.

Aus sozialer Bewegung wurde Handelsbranche

Das Grundproblem liegt darin, dass aus einer sozialen Bewegung eine Handelsbranche geworden ist, für die politische Forderungen nur noch eine marginale Rolle spielen. Für TransFair ist sein Siegel in erster Linie eine Marke, die es gut zu platzieren gilt. Je höher der Umsatz, desto mehr Chancen gibt es für die Produzenten in den Ländern des Südens. Vor allem bei Kakao und Zucker stünden Produzenten auf der Warteliste, die gerne ins Zertifizierungssystem des fairen Handels einsteigen oder ihre Absatzmengen steigern würden.

Importeure wie die Gepa, dwp oder El Puente, aber auch die Weltläden und die kirchlichen Aktionsgruppen sehen sich dagegen der sozialen Bewegung verpflichtet. »Die Frage der nächsten Jahre wird sein: Wie lange kann beides noch unter dem Begriff fairer Handel laufen?«, sagt Martin Lang. dwp verzichtet schon länger fast ganz auf das Transfair-Siegel für seine Waren, weil es diese nicht im Regal von Discountern sehen will. »Wir wollen nicht mit Lidl und Co. in einem Boot sitzen.« Denn dann stünden fair gehandelte Waren in Regalen von Händlern, die mit ihren Beschäftigten gar nicht fair umgingen. dwp setzt lieber auf das 2009 eingeführte Naturland fair-Siegel mit seinen strengeren Standards.

Die Verbraucher erfahren in der Regel wenig über die Debatten in der Fairhandelsbewegung. Sie vertrauen einem angesehenen Siegel. Aber Glaubwürdigkeit ist schnell verspielt.

4 Wochen freier Zugang zu allen PF+ Artikeln inklusive E-Paper
Publik-Forum
Publik-Forum
Einen Moment bitte...
0:000:00
1.0