»Wenn Blut fließt …«
Herr Weingardt, ein anti-islamisches Schmähvideo hat die Welt erschüttert. Muslime in vielen Ländern wehren sich weiterhin dagegen; es gab bislang fast sechzig Todesopfer. Ist das das Ende Ihrer Hoffnung auf ein Weltethos, das Menschen verbindet?
Markus Weingardt: Im Gegenteil. Die Ereignisse zeigen, dass ein Weltethos nötiger ist denn je. Den gewalttätigen Reaktionen auf das Hassvideo schließt sich weltweit nur eine verschwindende Minderheit der Muslime an. Den meisten ist das Video schlichtweg egal, oder sie reagieren gewaltlos. Gleichwohl bietet das Weltethos eine wichtige Basis gemeinsamer Werte für den Dialog auch mit radikalen Gläubigen an.
Es sind nicht Massen von Muslimen, die sich jetzt mit Gewalt wehren?
Weingardt:Diesen Eindruck produzieren die Medien. In Libyen waren es schätzungsweise 2000 Menschen, die sich den Gewaltprotesten angeschlossen haben. Dass am nächsten Tag über 20 000 Menschen gegen diese Gewalt protestiert haben, hat kaum noch jemand berichtet. Durch solche Mechanismen entsteht der Eindruck, »die« Muslime seien gewalttätig. In Indien etwa, wo die zweitgrößte muslimische Gemeinschaft der Welt lebt, geschah gar nichts.
Warum läuft das so? Sind Religionen nur interessant, wenn sie Gewalt produzieren?
Weingardt: Medien richten ihr Interesse generell primär auf Gewaltprozesse. Es gilt: »When it bleeds it leads« – wenn Blut fließt, ist das eine Meldung wert. Dass Religionen in diesem Zusammenhang einer besonderen Aufmerksamkeit ausgesetzt sind, hat viele Gründe. In der Mainstream-Meinung sind sie gefährlich und immer konfliktverschärfend. Die friedensstiftende Rolle von Religionen ist hingegen überhaupt nicht im Blick. Vielen Journalisten und Politikern ist sie auch nicht bekannt.
Bestätigt die Wirklichkeit nicht die Mainstream-Meinung? Es gibt sechzig Tote, weil sich Muslime beleidigt fühlen …
Weingardt: Natürlich eignet sich Religion sehr gut dazu, gewalttätige Konflikte anzuheizen. Sie ist – darin ist man sich in der Forschung heute weitgehend einig – fast nie die Ursache von Konflikten, wirkt aber als Brandbeschleuniger. Denn Religion ist für viele Menschen ein wichtiger Faktor ihrer Identität. Sie kann diese Identität nach innen und nach außen stärken. Das ist besonders in Modernisierungskonflikten, wie wir sie gerade in einigen arabischen Ländern erleben, sehr wichtig für die Menschen. Zumal, wenn sie zu den Verlierern dieser Transformationen gehören. Wenn ihnen Elend droht, wenn traditionelle Werte und soziale Strukturen verfallen, neigen viele dazu, auf einfache Antworten religiöser Leitfiguren zu hören, die ihnen wieder Halt und Orientierung geben. Diese Mechanismen haben auch jetzt funktioniert. Wobei man nicht übersehen darf, dass es bei den jetzigen Protesten auch um inner-islamische Machtkämpfe geht. Beispielsweise in Ägypten, wo Salafisten und Muslimbrüder um Einfluss konkurrieren. Da nutzen die Salafisten jede Gelegenheit, der Welt zu zeigen: ›Schaut her: Wir sind die wahren Hüter des Glaubens!‹ Zu diesem Zweck wird jetzt auch das Video genutzt.
Dass so etwas funktionieren kann, setzt voraus, dass die persönliche Religiosität beleidigbar ist, dass Wut und Aggression überhaupt entstehen. Die Karikatur eines inkontinenten Papstes auf dem Titel des Satiremagazins »Titanic« hat jüngst keinen wütenden Christen-Mob durch Deutschlands Straßen ziehen lassen. Wo liegt der Unterschied?
Weingardt: Der Unterschied liegt nicht zwischen Christen und Muslimen. Auch der allergrößte Teil der Muslime hat ja auf das antimuslimische Schmähvideo völlig gewaltlos reagiert. Der Anteil derer, die sich an der Gewalt beteiligt haben, liegt im Bereich von 0,000x Prozent. Trotzdem sprechen Sie eine wichtige Frage an: Wodurch lassen sich Menschen zur Gewalt verführen? Die, die zur Gewalt aufrufen, überlegen sich jedenfalls vorher, ob ihre Anhänger ihnen folgen werden. Wenn die Antwort »ja« ist, dann wird diese Mobilisierung in den allermeisten Fällen auch erfolgen. Ist die Antwort »nein«, dann werden sie davon zurückstehen. Entscheidend für die Mobilisierbarkeit der Anhänger ist erstens die Frage: Geht es um einen Interessenkonflikt, der prinzipiell kompromissoffen ist? Oder geht es um einen Wertekonflikt? Streiten wir beispielsweise um Land – oder um »Heiliges Land«? Bei Wertekonflikten kochen die Gemüter, weil es um Identität geht, um den Kern des Selbstverständnisses einer Person oder Gruppe. Zum Zweiten hängt die Frage der Mobilisierbarkeit von der Opferbereitschaft der Gruppenmitglieder ab. Gewalt anzuwenden, dabei ein hohes Risiko für das eigene Leben einzugehen, erfordert große Opferbereitschaft. Die Gruppenmitglieder müssen gute Erfolgschancen sehen, damit sie mitmachen. Oder ihr Dasein muss so elend sein, dass ihnen die Todesgefahr unwichtig wird. Wenn Menschen dagegen viel zu verlieren haben – wie in Deutschland, wo das Leben der meisten gut abgesichert ist, wo Religionsfreiheit herrscht und Religion gleichzeitig für viele nicht mehr so wichtig ist –, ist Gewalt ein viel zu großes, ja ein unnötiges Risiko.
Sie sagen, es gehe um Wertekonflikte und den Grad menschlicher Opferbereitschaft. In westlichen Gesellschaften wird stattdessen oft argumentiert, das Problem sei eine Frage der Bildung. Sei erst einmal ein gewisser Bildungsstandard westlicher Prägung in die ganze Welt exportiert, seien Konflikte wie der um das Schmähvideo nicht mehr denkbar.
Weingardt:Die Neigung zur Gewalt hängt nicht unbedingt mit Bildung zusammen. Ich nannte bereits Indien, wo es keine flächendeckend hohen Bildungsstandards gibt und die Muslime auf das Schmähvideo bislang dennoch friedlich reagiert haben. Und Deutschland war vor siebzig Jahren ein durchaus gebildetes Land; das hat eine Vielzahl von Deutschen aber nicht davon abgehalten, die Juden mit brutaler Gewalt zu verfolgen.
Bildung hilft nicht?
Weingardt: Nur bedingt. Wichtig wäre es, die friedensorientierten Überlieferungen und Vorbilder in den Religionen zum Thema zu machen. Eine solche religiöse Bildung könnte vor Gewaltausbrüchen schützen.
Wie kann Religion das Gegenteil von Gewalt bewirken? Und wo tut sie es?
Weingardt:Es gibt viele Fälle, in denen religiöse Akteure zur Deeskalation eines Konflikts oder zur Überwindung von Gewalt beigetragen haben. Bis hin zur Vermittlung von Friedensverträgen, wie es der katholischen Laienbewegung von Sant’Egidio im Bürgerkrieg von Mosambik gelungen ist, Anfang der 1990er-Jahre. Im Zenit des Bürgerkrieges begannen die Akteure von Sant’Egidio eine Vermittlungsaktion, die nach zwei Jahren zum Abschluss eines Friedensvertrages führte. Sie waren gerade aufgrund ihrer Religiosität geeignete Vermittler. Im Mosambik waren beide Konfliktparteien katholisch, aber ähnliche Beispiele finden wir auch in gemischtreligiösen Konfliktkonstellationen, etwa im Sudan.
Waren oder sind irgendwo auf der Welt auch Muslime als Friedensstifter unterwegs?
Weingardt:In Ruanda, dem christlichsten Land Afrikas, haben Muslime – als einzige Bevölkerungsgruppe – friedensstiftend gewirkt, indem sie sich während des Genozids 1994 der Gewalt verweigert und den Flüchtlingen aktiv geholfen haben. Ein zweites Beispiel: Zu Zeiten Gandhis gab es im damaligen Britisch-Ostindien einen muslimischen Friedensaktivisten, Khan Abdul Ghaffar Khan, der ähnlich wie Gandhi Gewaltlosigkeit propagiert und praktiziert hat, in seinem Fall gestützt auf den Koran. Und auch die Jemenitin Tawakkul Karman, Friedensnobelpreisträgerin 2011, ist Muslimin.
Wenn Religionen also nicht nur ein Gewalt-, sondern auch ein Friedenspotenzial haben, könnten sie es jetzt nutzen, um die Konflikte um das Schmähvideo zu befrieden? Ist »Frieden schaffen ohne Waffen« noch möglich?
Weingardt: Ich vermute, dass sich die Aufregung um dieses unsäglich dumme Video legen wird. Aber es ist eben nicht nur dumm, es ist auch böswillig und verleumderisch. Und deshalb ist es nachvollziehbar, dass sich Menschen in ihrer Religiosität und Identität angegriffen fühlen. Trotzdem vermute ich, dass sich die Wogen glätten werden. Interessanterweise konnte man beim jüngsten Papstbesuch im Libanon Mitte September beobachten, dass sich die Hisbollah zurückgehalten und sogar ein gemeinsames christlich-islamisches Gebet akzeptiert hat. Mit den Aufrufen zur Gewalt hat man abgewartet, bis der Papst abgereist war. Das macht deutlich, dass zwischen den Religionen doch ein gewisser Respekt vorhanden ist.
Eine makabere Analyse! Das Führungspersonal der Religionen hat Respekt voreinander, aber sobald ein Treffen vorbei ist, die Kameras nicht mehr laufen, packt man die Keule wieder aus? Das spricht nicht dafür, dass die Idee eines Weltethos durchsetzbar ist.
Weingardt: Ich akzeptiere, dass Sie das makaber finden. Aber ich sehe in der – wenn auch kurzzeitig – befriedenden Wirkung des Papstbesuchs im Libanon das Positive: Es zeigt doch, dass religiöse Akteure große Chancen haben, in religiös grundierten Konflikten vermittelnd aktiv zu werden. Entscheidend ist, dass der Akteur selbst – in diesem Fall der Papst – mit Respekt wahrgenommen wird, dass man ihn akzeptiert und seine Position anzuhören bereit ist. Reden und zuhören sind der Beginn des Friedens, und er gedeiht am besten auf der Basis gemeinsamer ethischer Standards.
Wenn Sie der deutsche Innenminister wären: Würden Sie eine öffentliche Vorführung des Schmähvideos, wie rechte Initiativen sie planen, verbieten?
Weingardt: Ja, das würde ich. Denn meines Erachtens kommt die Meinungsfreiheit hier an Grenzen. Es gibt kein Grundrecht auf Böswilligkeit oder Verleumdung. Im Gegenteil, die Meinungsfreiheit wird verschiedentlich eingeschränkt, etwa wo es um üble Nachrede, Verleumdung oder Beleidigung geht. Das sind Straftatbestände im deutschen Gesetz. Hier wird Meinungsfreiheit aus guten Gründen begrenzt. Und ich meine, diese Gründe müssten auch bei einem solchen Video zum Tragen kommen. Es geht darin weder um Aufklärung noch um Kunst oder Satire. Es geht nur um die böswillige Verleumdung einer Religion.
