Wahnsinn Bahn
Streik, Unwetter und Fernbusse hätten der Deutschen Bahn die Bilanz verhagelt, sagt ihr Chef, Rüdiger Grube. Das ist nicht falsch. Dennoch lenkt die schlichte Erklärung von den wirklichen Problemen der Deutschen Bahn ab: einer seit Jahren verfehlten Unternehmenspolitik und dem geringen Interesse der Bundesregierung an einer ökologischen Verkehrspolitik.
Um hohe Ziele waren die Bahnchefs nie verlegen. Hartmut Mehdorn wollte die Bahn – im Auftrag der Politik – an die Börse bringen. Rüdiger Grube will sie zu Europas profitabelstem Mobilitätsdienstleister machen. Dadurch entstand ein großer Mobilitätskonzern, der wenig Gewinne abwirft. Und die Gewinne, die er ausweist, werden großteils dem Schienenverkehr abgepresst. Dafür mussten die Beschäftigten und die Bahnkunden jedoch schwer bluten.
Seit 1994 wurden mehr als 7000 Zugkilometer abgebaut, rund 120 Bahnhöfe geschlossen und der Interregio-Verkehr eingestellt. Viele Ersatzzüge sind ausrangiert, die Personaldecke ist dünn, Lokführer für den Fall der Fälle gibt es kaum noch. Die technischen Pannen häufen sich. Viele Serviceangebote wurden zurückgefahren, der Fahrkartenverkauf automatisiert.
Die Folgen sind dramatisch: Das Image der Bahn ist stark beschädigt. Sie verliert Marktanteile im Nahverkehr an private Konkurrenten, im Fernverkehr an die Busse. Die durchschnittliche Auslastung von ICEs liegt unter der Fünfzigprozentmarke. Der Marktanteil der Bahn am Personen- und Güterverkehr steigt nicht mehr. Zwar will der Bahnvorstand künftig alle Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern im Zweistundentakt an den Fernverkehr anschließen. Doch das Kleingedruckte ernüchtert schnell: Mit »künftig« meint die Bahn bis zum Jahr 2030. Und die neuen Städte, die wieder an das Fernverkehrsnetz angeschlossen werden sollen, sind jene, die in den letzten Jahren abgekoppelt wurden. Ein Aufbruch sieht anders aus.
Jetzt wäre der ideale Zeitpunkt für Veränderungen
Den wird es erst geben, wenn der Bahnvorstand sich zu einer völlig neuen Unternehmenspolitik entschließt. Erst der Verkauf von Luftfracht- und Lkw-Unternehmen bringt das Geld für einen Ausbau des Schienenverkehrs. Dann können neue, besser vertaktete Verbindungen entstehen. Viele Bahnhöfe könnten schneller renoviert oder wiederbelebt werden. Da das Eisenbahn-Bundesamt noch in diesem Jahr mehr bestellte Züge freigeben wird, wäre jetzt der ideale Zeitpunkt für grundlegende Verbesserungen.
Genauso wichtig ist eine Serviceoffensive. Nicht Nummernautomaten sollten die Fahrgäste empfangen, sondern offene Türen. Notwendig sind klare Informationen bei technischen Pannen, die es immer geben wird. Die Züge brauchen mehr Komfort, vom Kaffeeautomaten im Nahverkehr bis zu Steckdosen, stabilem Mobilfunkempfang und WLAN. Und warum wird die Bahncard 100, die 4090 Euro kostet, nicht für die Hälfte angeboten, um mehr Dauerkunden zu gewinnen? Und wie wäre es mit einer Billigvariante dieser Bahncard für Studenten? Dann würden sie nicht mehr so zahlreich in Fernbusse umsteigen.
Doch damit nicht genug: Die Bahn wird nur dann zum ökologischen Dienstleistungskonzern, wenn sie beim Verkehrsminister entschieden für zusätzliche Investitionen eintritt. Während Alexander Dobrindt zig Milliarden in die Straßen stecken will, liegt Deutschland bei Investitionen in den Bahnverkehr in der Europäischen Union im unteren Mittelfeld. Nach einer Studie der Hamburger Beratungsfirma SCI investierte Deutschland in den vergangenen Jahren zwischen 50 und 60 Euro pro Einwohner in die Bahn. Die Schweiz gibt dagegen rund 350, Österreich 250 Euro pro Jahr aus. Deshalb ist in beiden Ländern der Anteil der Zugreisen am Personenverkehr stark gestiegen. Notwendig sind auch in Deutschland mehr Investitionen in die Schiene und mehr Mittel für die Bundesländer, um den Nahverkehr auszubauen.
Diese Offensive erfordert eine radikale Umkehr im Denken von Verkehrsminister und Bahnchef. Deutschland braucht mehr Verkehr auf der Schiene. Dazu muss die Bahn weder an die Börse noch Europas profitabelster Mobilitätsdienstleister werden. Es genügt, wenn sie Jahr für Jahr mehr Menschen schnell, pünktlich, bequem und möglichst umweltgerecht von einem Ort zum anderen bringt.
