»Tempo 30 rettet Leben«
Sie wollen, dass in den Städten Europas Tempo 30 zur Regel und Tempo 50 zur Ausnahme wird. Was versprechen Sie sich davon?
Heike Aghte: Es geht um mehr Sicherheit und Lebensqualität in unseren Städten, und zwar für alle, also nicht nur für diejenigen, die in einzelnen Tempo-30-Zonen wohnen. Tempo 30 rettet Leben: Die Häufigkeit und Schwere von Verkehrsunfällen sinkt im Durchschnitt um vierzig Prozent, oft noch mehr. Das liegt daran, dass sich beim langsameren Autofahren der Anhalteweg gegenüber Tempo 50 halbiert und Autofahrer erheblich besser wahrnehmen können, was neben der Fahrspur passiert. Menschen können insgesamt angstfreier unterwegs sein, besonders Ältere und Kinder.
Die Lärmbelastung wird halbiert. Auch die Luftverschmutzung sinkt, weil der Verkehrsfluss gleichmäßiger wird, die Beschleunigungswege sich verkürzen, und auch, weil man eine deutliche Tendenz beobachtet hat, dass Leute ihre Autos eher stehen lassen und zu Fuß gehen, radeln oder Busse und Bahnen benutzen.
Es gibt auch schon eine Reihe von Städten mit flächenhaft Tempo 30, zum Beispiel Graz in Österreich und viele Städte in Großbritannien. Auch die meisten deutschen Stadtverwaltungen wünschen sich längst viel mehr Tempo 30, sind aber von einer restriktiven Straßenverkehrsordnung gehandicapt. Unser Volksbegehren, offiziell »Europäische Bürgerinitiative« genannt, fordert deshalb nicht nur, dass Tempo 30 zur Regel wird, sondern auch, dass die Städte das volle Entscheidungsrecht erhalten, um über die zukünftigen Ausnahmen selbständig entscheiden zu können. Zum Beispiel, um höhere Geschwindigkeiten auf den wichtigen Zubringerstraßen auszuweisen, eben dort, wo es den lokalen Experten sinnvoll erscheint.
In Wohngebieten gilt vielfach schon Tempo 30, aber ist das auch auf Hauptstraßen in großen Städten sinnvoll? Wird das Staus nicht noch befördern, weil der Verkehr einfach viel zu langsam abfließt?
Aghte: Die Staus nehmen auf Tempo-30-Straßen nachweislich ab, nicht zu. Das Durchschnittstempo in den Städten liegt wegen der vielen Staus und des Stop-and-Go-Verkehrs, der heute herrscht, bei heute 25 Stundenkilometer, oft noch darunter. Staus entstehen durch große Tempounterschiede zwischen den verschiedenen Fahrzeugen und in Situationen, in denen man schnell abbremsen muss. Beides fällt bei Tempo 30 viel weniger ins Gewicht. Der Verkehr fließt ruhiger und gleichmäßiger.
Apropos Stau: Die beiden Megastädte London und Paris haben in diesem Sommer bekanntgegeben, dass sie auf einen großen Teil ihrer Straßen Tempo 30 einführen. Sie gehen nämlich nach intensiven Pilotprojekten davon aus, dass sie ihre Stauprobleme dadurch besser lösen können.
Für diejenigen, die auf ihren täglichen Strecken reibungslos unterwegs sind, gilt die Faustregel: pro Kilometer dauert es mit 30 Stundenkilometer zehn bis zwanzig Sekunden länger. Die durchschnittliche Weglänge beträgt nach den Statistiken des Bundesverkehrsministeriums weniger als sechs Kilometer – das sind also insgesamt nur zwei Minuten mehr. Das ist bei so viel weniger Toten und Schwerverletzten doch zumutbar.
Soll nach Ihren Plänen festgeschrieben werden, wie hoch der Anteil der verkehrsberuhigten Straßen in einer Stadt sein muss?
Aghte: Nein. Tempo 30 soll als reguläre Höchstgeschwindigkeit innerorts gelten, und die Kommunen sollen selbstständig die Ausnahmen bestimmen können – das reicht. Die großen Verbindungsstraßen werden also auch zukünftig Tempo 50 haben können.
Wäre Ihrer Meinung nach ein großer Kontrollaufwand nötig, um flächendeckend Tempo 30 durchzusetzen? Wie wollen Sie die Autofahrer dazu bringen, sich daran zu halten?
Aghte: Erheblichen Kontrollbedarf gibt es eigentlich immer, bei Tempo 50 genau so wie bei Tempo 30. Wie groß der Kontrollaufwand sein wird, hängt maßgeblich davon ab, was als »normal« und was nur als Ausnahme wahrgenommen wird. Zur Zeit haben wir Tempo 30 als eine Ansammlung von Ausnahmen, die auch extra als solche beschildert sind. Zwangsläufig gibt es deshalb die Tendenz, die entsprechenden Schilder einfach zu »übersehen«. Auf Dauer wird es aber selbstverständlich sein, Tempo 30 zu fahren.
Durch Abbiege- und Fahrregelungen können die Städte eine Menge beeinflussen, damit der Verkehr sich automatisch entschleunigt. Dann braucht man nur wenige Kontrollen. Perfekt sind natürlich Umbaumaßnahmen, bei denen Zu-Fuß-Gehende und Radelnde einen höheren Anteil am Straßenraum bekommen. Aber es geht auch billiger. Ich kenne ein Dorf, in dem – links und rechts, jeweils räumlich versetzt – einfach ein paar Meter des Straßenraums den Anwohner.innen überlassen wurde. Die haben die Flächen mit wunderschönen Blumen bepflanzt, und die Autos, die hier einbiegen, fahren in eine vermeintlich ganz enge Straße und bleiben automatisch langsam.
Zu schnelle Fahrten wird es trotzdem immer geben, in der Regel um etwa zehn Kilometer. Ob man dann aber Tempo 30 oder Tempo 40 um zehn Kilometer überschreitet, bedeutet einen großen Unterschied.
Werden Unterschriften in allen EU-Ländern gesammelt?
Aghte Ja, einschließlich Kroatien, das seit Juli dieses Jahres neues EU-Mitglied ist.
Wenn Ihre »Europäische Bürgerinitiative« bis zum November 2013 eine Million Unterschriften in mindestens sieben EU-Mitgliedsländern zusammenbekommt, muss die EU- Kommission das Thema aufgreifen und eine Lösung vorschlagen. Wie viele Stimmen haben Sie bisher EU-weit beisammen und wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, dass Ihre Idee eines Tages Gesetz wird?
Aghte: Ich glaube, es wird sein wie mit dem Rauchverbot: In 20 Jahren wird man sich nicht mehr vorstellen können, mit 50 Stundenkilometer durch die meisten Stadtstraßen gefahren zu sein.
Gemessen an der Eine-Millionen-Hürde werden wir mit unserer EBI aber erst einmal scheitern, so wie die meisten der 15 EBI s, die derzeit laufen. Wir haben nämlich über die Webseite www.30kmh.eu erst rund 32.000 online-Unterschriften gesammelt und dazu 6 000 Unterschriften auf Papier. Das Instrument hat leider noch zu viele Kinderkrankheiten für eine erfolgreiche Öffentlichkeitskampagne.
Aber wir haben so viele Informationen verbreiten und Diskussionen initiieren können und eine so starke Zustimmung erreicht – auch von Bürgermeistern und bis hin zur Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – dass wir sagen können: wir haben schon enorm viel erreicht. Selbst der EU-Verkehrskommissar Siim Kallas musste schon zugeben, dass er unsere Kampagne »sehr gut kennt«. Auch ist der Zusammenhalt der Aktiven stark gewachsen. Das Volksbegehren war sicherlich erst der Anfang einer Bewegung – und bis zum 13. November sammeln wir noch weiter Unterschriften!
Kontakt: Europäische Bürgerinitiative »Macht die Straßen lebenswert!« www.30kmh.eu
