Syrisches Martyrium
Zum Beispiel kann sich in den Netzwerken im Internet jeder über die Situation in der syrischen Stadt Madaja informieren. Nach monatelanger Belagerung durch Assad-Truppen haben zwar Hilfskonvois Lebensmittel für die verbliebenen rund 40 000 Menschen gebracht. Trotzdem seien seit Mitte Januar noch 16 Menschen gestorben, berichtet die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Was das bedeutet, schildert der ehemalige Jura-Student Amar. Der arabische Sender Aljazeera hat seinen Bericht in Netzwerken gepostet.
»Wir begannen, Gras vom Boden zu pflücken und es zu kochen. In der Hoffnung, es würde unsere dauernden Hungerschmerzen lindern. Wir rissen Blätter von den schönen Bäumen in unserer Nachbarschaft. Bis alles Gras und alle Blätter weg waren.« Als der Winter kam, erzählt Amar weiter, hätten manche begonnen, »Haustiere zu essen: Katzen, Hunde, alles mögliche«. »Ich sah Kleinkinder, die gestorben sind, weil ihre Mutter keine Milch mehr hatte, um sie zu säugen.« Er selbst, ein erwachsener Mann, wiege inzwischen weniger als 50 Kilogramm: »Meine Gefühle kann ich mit Worten nicht beschreiben«, sagt Amar, der bis 2011, dem Beginn der Proteste, in Damaskus Jura studiert hat und voller Hoffnung auf eine gute Zukunft war.
Dann begann auch in Madaja der Widerstand gegen Assad. Der Krieg eskalierte, das Regime belagerte die Stadt und verlegte Minen. Wer hinaus wollte, musste Geld geben: »Mein Nachbar hat um die 3000 Dollar bezahlt für den sicheren Weg nach draußen«. Zahlreiche Männer seien den Minen zum Opfer gefallen, als sie nach Lebensmitteln oder Feuerholz suchten. Viele seien durch Scharfschützen erschossen worden. In der Stadt seien die Menschen immer verzweifelter geworden: »Ich kenne jemanden, der sein ganzes Haus für nur fünf Kilogramm Essen verkauft hat. Sie mögen das für unvorstellbar halten, aber es ist wahr.« Auch Amar ist verzweifelt: »Warum kümmert das niemanden?«
Die Welt postete auf Facebook ein Video über die Menschen in der eingeschlossenen Stadt. Und Madaja ist kein Einzelfall. Unter den Belagerungen – zum Großteil sind dafür Assad-Truppen verantwortlich, aber auch die Rebellen belagern Orte – leiden in Syrien rund eine Million Menschen, sagt Ferdinand Dürr von der Hilfsinitiative Adopt a Revolution. Ärzte ohne Grenzen schätzt sogar, dass bis zu zwei Millionen Menschen davon betroffen sein könnten.
Eine Drohne filmt das zerstörte Homs
Aber auch das Leiden durch die Belagerungen sind nur ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Leiden in Syrien und Irak. Es kann in den sozialen Netzwerken wie YouTube, Google+ oder Facebook genau verfolgt werden. Dort werden Hinrichtungen gezeigt, Luftangriffe und Gefechte. Wer wollte, konnte sich noch jüngst das zerstörte Homs aus der Perspektive eines Drohnenflugs ansehen und wie Menschen von Scharfschützen getroffen werden – dieses Video wurde inzwischen gelöscht. In einem anderen Video will ein Junge seinen kleinen Bruder von einem Platz ziehen, der unter Feuer genommen wird. Am Ende liegen beide tot auf dem Boden. Und ein Mann deckt ein rotes Tuch über die beiden kleinen Leichen.
Am schlimmsten erscheint das Leiden der Kinder. Die Vereinten Nationen haben davor gewarnt, dass 2,5 Millionen Kinder bis Ende 2016 aus Syrien geflüchtet sein würden. In Syrien sank die Einschulungsrate auf sechs Prozent. 5000 Schulen seien zerstört, heißt es in einem Aljazeera-Bericht. Doch auch wenn die Schulen noch existieren, müssten Kinder oft ihren Familien helfen, den Lebensunterhalt zu verdienen und geben den Schulbesuch auf. Physiklehrer Zakariya Abu al-Noor aus Aleppo berichtet: »Heute leben wir in einem permanenten Kriegszustand. Unser ganzes Leben hat sich verändert, was wir anziehen, was wir essen, wo wir leben. Ich war bei drei Luftangriffen in der Schule. Ich hatte Glück. Viele andere nicht.« Trotz der permanenten Lebensgefahr kommt er weiter zum Unterricht. Ebenso ein Geschichtslehrer, der sagt: »Wir können unsere Kinder nicht ohne Bildung lassen.«
10 000 unbegleitete Kinder verschwunden
Schlimm ergeht es den Kindern, die in Syrien bleiben. Teilweise aber noch schlimmer denen, die ohne ihre Familien auf die Flucht gehen. 10 000 unbegleitete Kinder sollen verschollen sein, berichtet die Polizeibehörde Europol. Allein in Italien seien 5000 Kinder nach ihrer Ankunft auf europäischem Boden spurlos verschwunden. Ein Teil der verschollenen Kinder könnte bei Verwandten angekommen sein, sagte ein Europol-Sprecher. Doch Europol lägen auch Informationen darüber vor, dass Kriminelle versuchten, sie zu versklaven oder sexuell auszubeuten.
Die Kinder stehen erst am Beginn ihres Lebens, sie verstehen nicht, warum Erwachsene so grausam handeln und ihre Kindheit, wenn nicht ihr Leben, zerstören. Manche – wie Frishta, ein vielleicht zehnjähriges Mädchen aus dem Irak – schöpfen auf der Flucht aber wieder Hoffnung. Sie gelangte mit ihrer Familie nach Griechenland. Mit einem Boot sind sie von der Türkei gekommen. »Es waren so viele Menschen auf dem Boot, es war kalt und wir alle waren nass und wir hatten fürchterliche Angst zu ertrinken«, schildert sie. Jetzt ist sie auf dem Weg nach Mazedonien, danach will die Familie weiter nach Finnland. »Ich möchte dort studieren und Englischlehrerin werden«, berichtet sie in gutem Englisch. Den Beitrag hat die Zeitung Dailymail gepostet. Frishta hat Pläne für die Zukunft. Man möchte ihr wünschen, dass sie sich erfüllen. Und dass sie viele Menschen trifft, die ihr dabei helfen.
