Reine Imagekampagne
»Nachmittags gehören Mutti und Vati mir«, fordern zwei Kinder auf einem aktuellen Plakat der Industriegewerkschaft Metall. In Text und Bild erinnert das Motiv an die berühmte Kampagne »Samstag gehört Vati mir«: Unter diesem Motto kämpfte der Deutsche Gewerkschaftsbund vor über 50 Jahren erfolgreich für das von Erwerbsarbeit befreite Wochenende.
Den neuen Plakaten zufolge geht es jetzt also um den freien Nachmittag. Gebraucht werden die umgestalteten Werbemittel bisher allerdings kaum. Denn kürzere Arbeitszeiten für die Eltern kleiner Kinder sind bei den im Januar beginnenden Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie gar kein Diskussionsgegenstand. So hat es der Vorstand der größten deutschen Einzelgewerkschaft Ende November beschlossen.
Ein paar Monate früher klang das noch ganz anders. Vor dem 1. Mai hatte der IG Metall-Vorsitzende Detlef Wetzel im Gespräch mit der Wochenzeitung Die Zeit die Auseinandersetzung um Arbeitszeit zu einem der »ganz großen Themen der nächsten Jahre« erklärt. Der Kampf um Zeitsouveränität, so der mächtige Gewerkschaftschef, sei »eine Gegenbewegung zur totalen Ökonomisierung des Lebens«. Wetzel berief sich auf die Ergebnisse einer internen Umfrage zum Thema »Gute Arbeit, gutes Leben«: Seither habe man begriffen, wie wichtig das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie den Mitgliedern sei.
Den umstrittenen Vorschlag der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), Eltern eine staatlich geförderte 32-Stunden-Woche anzubieten, bewertete der Gewerkschafter grundsätzlich positiv. Er betonte aber zugleich, viele Beschäftigte könnten sich eine reduzierte Arbeitszeit ohne finanziellen Ausgleich kaum leisten. Deshalb, so Wetzel damals wörtlich, müssten die Tarifparteien verhandeln, »wie diese Zeit bezahlt wird – über Details beraten wir gerne«.
IG Metall: »Das Thema ist nicht vom Tisch«
Jetzt, wo es konkret wird, ist von dieser Ankündigung wenig übrig geblieben. Mit drei Forderungen geht die IG Metall in die kommende Tarifrunde 2015: mehr Geld, mehr Zeit für Weiterbildung, mehr Altersteilzeit. Ehrbare Ziele – nur von kürzeren Arbeitszeiten für Eltern ist plötzlich keine Rede mehr. Das Thema sei nicht vom Tisch, man bleibe dran, beeilt sich die Pressestelle der Gewerkschaft zu betonen. Doch ein fader Nachgeschmack bleibt: Wie schon in der Vergangenheit gibt es offenbar »Wichtigeres« als das Familien-Gedöns in einer Organisation, bei der von über zwei Millionen Mitglieder weniger als 20 Prozent Frauen sind.
Der Männerbund in der Gewerkschaft, für den der Lohn des Haupternährers das Maß aller Dinge ist, hat sich programmatisch mal wieder durchgesetzt. Und der Medienwirbel, den die Äußerungen des IG Metall-Chefs zur familienfreundlichen 30-Stunden-Woche auslösten, entpuppt sich in der Rückschau als reine Imagekampagne, der keine Taten folgen. Die Nachmittage jedenfalls gehören auch künftig nicht Mutti und Vati, sondern dem Arbeitgeber.
