Occupy Wall Street, Phase zwei
Hunderte gewaltlose Besetzer wurden bei den Räumungen ihrer Zeltstädte mit Pfeffergas attackiert, verprügelt und verhaftet. Doch die Bewegung für wirtschaftliche Gerechtigkeit wurde nicht gestoppt, sondern nur schneller als erwartet in die zweite Etappe getrieben.
Die Bewegung setzt jetzt mehr denn je auf Strategie
Occupy-Ableger, Gruppen und Teams haben sich jetzt unter Dach und Fach zusammengefunden, wo sie ihre Vollversammlungen konzentriert und ohne Touristenströme abhalten, strategisch arbeiten und Aktionen für das Wahljahr 2012 vorbereiten. Wenn Demokraten und Republikaner gehofft haben, dass paramilitärische Polizeieinsätze schon dafür sorgen werden, dass die im Januar beginnenden Vorwahlen, die darauf folgenden Parteitage und Präsidentschaftsdebatten ungestört von den 99% ablaufen, dann werden sie sich wundern. Die kreativen Besetzer werden »business as usual« zu verhindern wissen. Auch wenn die Sperrzone für Proteste verdoppelt und verdreifacht wird.
Rocky Anderson bricht mit den Demokraten. Aus Wut
Angesichts der Leichtgewichte bei den republikanischen Präsidentschaftskandidaten herrscht im Weißen Haus beste Laune. Doch dank »Occupy Wall Street« könnte Barack Obama eine Überraschung blühen: Inspiriert von der Bewegung der 99% will Rocky Anderson, der frühere demokratische Bürgermeister von Salt Lake City, seine Kandidatur für das Weiße Haus anmelden. Simultan will er dann die Gründung der Justice Party bekannt geben. Anderson sieht diese Partei als Graswurzelbewegung, die langfristig von den Wählern gewünschte Politik-Veränderungen bringen soll. »Die Leute wollen eine alternative Partei haben«, sagt Rocky Anderson. »Sie haben erkannt, dass Demokraten und Republikaner, diese beiden militaristischen, von Korporationen beherrschten Parteien, uns das Disaster beschert haben, das uns heute zu schaffen macht.«
Als Bürgermeister von Salt Lake City forderte er Bush´s Amtsenthebung
Anderson (60) ist ein eloquenter, renommierter Bürgerrechtsanwalt und zählt zu den liberalsten Politikern des Bundesstaates Utah. Er hat sich für Labor, Umwelt- und Klimaschutz stark gemacht, hält nichts vom »Krieg gegen die Drogen«, war von Anfang an gegen die Irak-Invasion und ist der einzige US-Bürgermeister, der einst die Amtsenthebung von George W. Bush gefordert hatte. Nach dem beispiellosen Haushaltsspektakel im August kappte Anderson seine Verbindung zu den Demokraten: »Die Verfassung ist gebrochen worden, und die Demokraten haben zugesehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Es ist eine feige Partei ohne Prinzipien. Gekauft und bezahlt von den gleichen Interessengruppen, welche die Republikanische Partei kaufen und bezahlen.«
Rocky Anderson unterstützt »Occupy Wall Street«, will die Bewegung aber keinesfalls vereinnahmen. Wenn die Bewegung ihn - mit insgesamt 700 000 Stimmen - in allen 50 Bundesstaaten auf den Wahlzettel bugsieren würde, hätte er das Recht, an den Präsidentschaftsdebatten teilzunehmen.
