›Nachmittags gehören Mutti und Vati mir‹
Als Bundesfamilienministern Manuela Schwesig (SPD) im Januar die Idee einer staatlich unterstützten Familienarbeitszeit vorstellte, erntete sie fast überall Ablehnung. Regierungssprecher Steffen Seibert ließ im Auftrag von Kanzlerin Angela Merkel ausrichten, das sei ein »persönlichen Debattenbeitrag«. Ein CDU-Politiker witterte gleich einen »Angriff auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft«. Auch sozialdemokratische Parteifreunde monierten, davon stehe nichts im Koalitionsvertrag. Binnen weniger Stunden schien der Vorschlag tot.
Monate später kommt plötzlich Zustimmung von unerwarteter Seite. Eric Schweitzer vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat jetzt im Streitgespräch mit Schwesig in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung angeregt, Mütter sollten mehr und Väter weniger arbeiten. »Sinnvoll organisiert« könnten beide Elternteile 35 Wochenstunden leisten: »In der Summe ist das immer noch mehr, als wenn der Mann 40 Stunden arbeitet und die Frau nur halbtags.«
Die Arbeitgeberfunktionäre fürchten den Fachkräftemangel. Ihr Kalkül zielt deshalb keineswegs auf die Verkürzung, sondern auf die Verlängerung von Arbeitszeiten. Siebzig Stunden insgesamt würden Familien arbeiten, nur anders aufgeteilt. Den Abschied von der weiblichen Hinzuverdienerin propagiert der DIHK-Chef weniger aus emanzipatorischen als aus ökonomischen Gründen. Die Unternehmen wollen Frauen voll integrieren in das Erwerbs-System – wovon zumindest Westdeutschland weit entfernt ist.
Mit dem guten Leben, das die Gewerkschaften für die Arbeitnehmer/innen erreichen wollen, hat das wenig zu tun. Detlef Wetzel, der Vorsitzende der größten Einzelgewerkschaft, der IG Metall, hält die Auseinandersetzung um Arbeitszeit für »eines der ganz großen Themen der nächsten Jahre«. Der Kampf um Zeitsouveränität sei »eine Gegenbewegung zur totalen Ökonomisierung des Lebens«, sagt er im Gespräch mit der Wochenzeitung Die Zeit.
Die IG Metall hat ihre Mitglieder zum Thema »Gute Arbeit, gutes Leben« befragt – und seither die Dringlichkeit des Problems Vereinbarkeit begriffen. Den 32-Stunden-Vorschlag von Manuela Schwesig bewertet Wenzel grundsätzlich positiv. Der Gewerkschafter schränkt aber ein, dass sich nicht jeder eine vorübergehend reduzierte Arbeitszeit ohne finanziellen Ausgleich leisten kann. Die Tarifparteien müssten verhandeln, »wie diese Zeit bezahlt wird – über Details beraten wir gerne«.
Nach den erbitterten Kämpfen um die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich in den 1980er Jahren konzentrierten sich die Gewerkschaften auf den Einkommenszuwachs. Sie wendeten sich ab von der kollektiven Arbeitszeitverkürzung und ließen sich auf die Strategie der Arbeitgeber ein: Die wollten flexiblere, aber keine kürzeren Arbeitszeiten. Im Ergebnis wird inzwischen wieder deutlich länger gearbeitet, der Durchschnitt beträgt derzeit 42 Stunden. Obwohl die Produktivität der Wirtschaft in den letzten drei Jahrzehnten deutlich gestiegen ist, gibt es nicht mehr Zeitwohlstand.
Die Kernzeit der Familie liegt zwischen 16 und 21 Uhr
Die alten Plakate für das freie Wochenende mit dem Slogan »Samstags gehört Vati mir« hat die IG Metall modernisiert. Auf ihnen steht nun »Nachmittags gehören Mutti und Vati mir«. Das ist eine zentrale Aussage, denn Familien hilft ein Sechs-Stunden-Tag viel mehr als etwa die Vier-Tage-Woche. Wenn Eltern zum Beispiel in einem Korridor von 9 bis 15 Uhr arbeiten, haben sie wirklich neue Freiräume. Dann entfällt zum Beispiel die Hektik auf dem Weg in die Tagesstätte am Morgen ebenso wie der Druck am (späten) Nachmittag, rechtzeitig zu Hause zu sein.
Wir brauchen den Ganztagsbetrieb in Kitas und Schulen, er ändert aber nichts am Alltagsrhythmus von Familien. Die Kernzeiten der Familie mögen individuell verschieden sein –, meist liegen sie irgendwo zwischen 16 und 21 Uhr. Dieses private Zeitfenster ist für Eltern wie Kinder eine wichtige Voraussetzung für ein gutes Leben. Doch es muss gegen die Anforderungen der Erwerbswelt erkämpft und verteidigt werden.
Wenn Arbeitgeber endlich vom alten männlichen Normalarbeitsstandard abrücken (der stets eine weibliche Unterstützung zu Hause voraussetzte) und sich 35 Wochenstunden für Väter vorstellen können, ist das begrüßenswert. Zusammen siebzig Stunden Erwerbsarbeit sind für Familien jedoch definitiv zu viel.
Einst musste das Einkommen des Alleinversorgers auf der Basis von 48 Wochenstunden für ein halbes Dutzend hungrige Mäuler reichen. Seither sind die Konsumwünsche gestiegen, doch ein addierter Familienverdienst auf der Basis von sechzig Stunden dürfte häufig genügen. Wichtiger ist die gemeinsame Zeit: Eine neue Norm für Männer wie Frauen sollte bei höchstens dreißig Stunden liegen, eher noch darunter – und vor allem den täglichen Arbeitstag verkürzen.
