Mord und Totschlag in der Ukraine
Andrej Mironow ist tot. Der Menschenrechtler, Journalist und Italienisch-Dolmetscher aus Russland kam zusammen mit dem italienischen Fotoreporter Andrea Rocchelli, für den er übersetzt hat, am 24. Mai ums Leben. Sie waren mit ihrem Auto in Kampfhandlungen zwischen den ukrainischen Streitkräften und russischen Separatisten geraten und wurden in der Nähe von Slawjansk mit Mörsergranaten beschossen.
Der 60-jährige Mironow war Dissident, Menschenrechtler und Friedensaktivist. 1985 vom KGB wegen Verbreitung der Untergrundzeitung »Samisdat« verhaftet, wurde Mironow ein Jahr später »wegen antisowjetischer Agitation und Propaganda« zu vier Jahren Lagerhaft und drei Jahren Verbannung verurteilt. 1987 kam er im Rahmen einer von Michail Gorbatschow erlassenen Amnestie vorzeitig aus der Haft frei. Wenig später trat Mironow der 1988 gegründeten Menschenrechtsorganisation »Memorial« bei. Während der »antiterroristischen Operationen« der russischen Streitkräfte in Tschetschenien war Mironow zusammen mit seinen Kollegen von Memorial regelmäßig vor Ort.
Beide Seiten ermorden Menschen
Der Mord an ihm und dem Italiener Rocchelli zeigt, wie brutal und rücksichtslos die Kämpfe in der Ukraine geführt werden. Beide Seiten schrecken auch vor Verbrechen an der Zivilbevölkerung nicht zurück. In Slawjansk haben die prorussischen Aufständischen ein Schreckensregime etabliert. Zwei Menschen wurden vor wenigen Tagen als angebliche Marodeure hingerichtet, über 60 Geiseln, darunter auch die im April unter Zwang zurückgetretene Bürgermeisterin von Slawjansk, Nelja Schtepa, werden in der Stadt in Haft gehalten.
Aber auch die ukrainischen Streitkräfte ermorden Menschen. Als die ostukrainischen prorussischen Separatisten am 11. Mai ein Referendum über die Unabhängigkeit der Gebiete um Lugansk und Donezk durchführten, überfielen ukrainische Einheiten ein Wahllokal in Krasnoarmejsk, um die Wahlurnen zu entwenden. Als wütende Einwohner gegen dieses Vorgehen vor dem Wahlgebäude demonstrierten, schossen die Soldaten in die Menge und töteten zwei Demonstranten.
Unvergessen ist zudem das Drama von Odessa. Am 2. Mai demonstrierten in der Hafenstadt proukrainische und prorussische Anhänger. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen. In deren Verlauf flohen die prorussischen Aktivisten, die zahlenmäßig unterlegen waren, in das nächstgelegene Gebäude, das Gewerkschaftshaus. Wenig später brannte das Haus. Augenzeugen berichten, dass aus dem Gebäude Flüchtende von unbekannten Einheiten ermordet wurden. Offiziellen Angaben zufolge sind am 2. Mai 48 Menschen ums Leben gekommen. Prorussische Aktivisten gehen von etwa 200 Toten aus.
Seit dem 3. Mai harren auf dem Platz vor dem Gewerkschaftshauses zwei Dutzend Menschen aus. Blumen, Photos der Toten und Kerzen erinnern an die schrecklichen Ereignisse. An den Abenden und am Sonntag versammeln sich dort zweitweise 200 Menschen.
In Odessa geht inzwischen die Angst um. Man scheut sich, offen über Politik zu reden. Lediglich bei der Mahnwache vor dem Gewerkschaftshaus trauen sich die Menschen, in ihrer Mehrzahl Frauen, offen auszusprechen, was sie denken. Zunächst hatten die Machthaber von Odessa versucht, die Frauen vom Platz zu vertreiben. Doch sie trotzten den Drohungen. Und immer mehr Menschen schließen sich ihnen an.
Wie kann die Gewalt gestoppt werden?
Wie kann der schreckliche Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt in der Ukraine gestoppt werden? Es müsste ein sofortiger Waffenstillstand ausgehandelt werden. Nötig wäre es, endlich Druck auf Kiew auszuüben, damit sich die ukrainische Regierung mit den prorussischen Separatisten an den Verhandlungstisch setzt. Alle Kriege enden mit Verhandlungen. Je früher damit begonnen wird, umso eher hört das Morden auf. Jeder Tag zählt, es könnten viele Menschenleben gerettet werden. Moskau müsste die logistische und propagandistische Unterstützung der Aufständischen in der Ostukraine beenden. Und schließlich müssten sich auch diese zu Verhandlungen bereitfinden.
Aber auch Europa könnte etwas unternehmen: Es sollte der russischsprachigen Bevölkerung in der Ukraine und anderen osteuropäischen Ländern die Angst nehmen, in Europa kulturell unterzugehen. Dafür bedürfte es eines Zeichens. Wie wäre es, wenn die EU Russisch zur weiteren offiziellen EU-Sprache erklärte? Auch das könnte ein Schritt in Richtung Frieden sein.
