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Ja zum bedingungslosen Grundeinkommen?

von Antje Schrupp 26.01.2018
»Unbedingt!«, sagt die Politologin Antje Schrupp. »Das bedingungslose Grundeinkommen verabschiedet die Illusion vom autonomen Selbstversorger. Und es fielen endlich die Kontrollen und Schikanen für Hartz IV-Empfänger weg!« Ihre Antwort auf Christoph Butterwegge in unserer Debattenreihe »Streitfragen zur Zukunft«
Antje Schrupp (rechts) ist für ein bedingungsloses Grundeinkommen: »Es verabschiedet die Illusion vom autonomen Selbstversorger. Und es fielen endlich die Kontrollen und Schickanen für Hartz IV-Empfänger weg!« (Foto: (Foto: iStock by getty/stevanovicigor; Burst)
Antje Schrupp (rechts) ist für ein bedingungsloses Grundeinkommen: »Es verabschiedet die Illusion vom autonomen Selbstversorger. Und es fielen endlich die Kontrollen und Schickanen für Hartz IV-Empfänger weg!« (Foto: (Foto: iStock by getty/stevanovicigor; Burst)

Eigentlich haben wir schon ein Grundeinkommen. Dass alle Menschen genug zum Leben haben sollen, darüber herrscht in Deutschland Konsens. Wenn es jemand nicht schafft, selbst für sich zu sorgen, gibt’s Geld vom Staat. Früher hieß das Sozialhilfe, heute Hartz IV. Nichts anderes besagt auch der Vorschlag eines bedingungslosen Grundeinkommens. Nur dass die Idee dabei konsequent zuende gedacht wird.

Denn, Hand aufs Herz: Wer kann denn ganz allein für sich sorgen? Wir alle sind doch von anderen abhängig, zuerst von unseren Eltern, dann von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, einer guten Infrastruktur, der Arbeit und Zuwendung anderer. »Wir leben alle von Sozialhilfe«, bringt es die US-amerikanische Philosophin Martha Fineman auf den Punkt.

Das neue am bedingungslosen Grundeinkommen ist, dass es die Illusion vom autonomen Selbstversorger verabschiedet.

Im Vergleich zu diesem symbolischen Paradigmenwechsel wäre die Veränderung im Geldbeutel eher gering: Da auch die Wohlhabenden ein Grundeinkommen bekämen, müssten sie entsprechend mehr Steuern und Abgaben bezahlen ...

Es könnten Freiräume entstehen für ökonomische Experimente jenseits des Kapitalismus. Arbeit hat ja nicht nur mit Geldverdienen zu tun, sondern auch mit Sinn und Erfüllung, mit Gestaltungswillen, mit der Verwirklichung eigener Ideen für die Welt. Dass man bei der Wahl dessen, was man den ganzen Tag über tut, nicht ausschließlich ans Geld denken muss, ist ein Luxus, den sich heute nur Reiche und Gutverdienende leisten können ...

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Feministische Ökonominnen weisen schon lange darauf hin, dass das Bruttosozialprodukt nur einen Teil des wirtschaftlichen Geschehens abbildet. Der größte Teil der Arbeiten wird schon immer und auch heutzutage unentgeltlich geleistet, in Privathaushalten, im Ehrenamt, in Subsistenzarbeit zur Selbstversorgung. Da es immer mehr Ältere und weniger Jüngere geben wird, dürfte der Bedarf an Care-Arbeit steigen ...

Der kapitalistische Markt ist immer weniger in der Lage, die Bezahlung dieser gesellschaftlich notwendigen Arbeiten überhaupt sicherzustellen ... Für das Marktversagen im Bereich Care-Arbeit ist derzeit weit und breit keine Abhilfe in Sicht ...

Aber nicht nur für die, die keinen Erwerbsarbeitsplatz haben oder keinen haben wollen, würden sich neue Optionen erschließen. Auch die Erwerbstätigen hätten mehr Möglichkeiten. Mit dem Wissen, dass sie im Zweifelsfall ein Grundeinkommen hätten, könnten sie besser mit ihren Arbeitgebern verhandeln. Sie wären nicht mehr gezwungen, jegliche Zumutungen und Ansprüche hinzunehmen ...

Offensichtlich ist Deutschland reich genug, um die materielle Existenz aller Menschen, die hier leben, sicherzustellen. Die eigentliche Frage ist, ob wir das wirklich wollen: den Sinn des Menschseins vom Zwang zum Geldverdienen lösen? Wollen wir uns vom Idealbild des autonomen Selbstversorgers trennen und unsere gegenseitige Abhängigkeit eingestehen, auch materiell? Wollen wir unsere Vorstellung von Ökonomie breiter fassen als den geldvermittelten Markt? Wenn wir das wirklich wollen, findet sich ein Weg.

Kommentare
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M. Wolf
12.02.201819:52
Das ist wieder eine dieser komplexen Fragen, auf die man, jenseits von Wünschen und Überzeugungen, nur dann dann fundiert antworten kann, wenn man alle relevanten Gesichtspunkte berücksichtigt und verantwortlich gewichtet hat. Ich selbst weiß auch nach Lektüre der Pro- und der Kontra-Position noch nicht, ob ich ein bedingungsloses Grundeinkommen für sinnvoll halten soll, und ich weiß noch viel weniger, ob es auf Dauer finanzierbar wäre. Denn wer sagt uns, dass Deutschland auch in 20,30 oder 40 Jahren noch reich genug ist, um die daraus resultierenden Lasten zu bewältigen?
Bedenkenswert ist aber ein Gesichtspunkt, den der Soziologe Hartmut Rosa in die Debatte eingebracht hat (Publik Forum Nr. 24/2017) und der bei Frau Schrupp zumindest anklingt: Rosa hält das bedingungslose Grundeinkommen für eine Möglichkeit, dem uns als Gesellschaft beherrschenden allumfassenden Steigerungszwang zu entkommen, weil es die existenzielle Angst, nicht mithalten zu können, aus dem Spiel nehmen würde.
Ruth Habermehl
10.02.201817:56
Es gibt schon sehr viel Erfahrung mit Menschen, die ein geregeltes Einkommen haben, für das sie nicht mehr arbeiten müssen: die Rentner. Wenn man sich auf diejenigen konzentriert, die bei guter Gesundheit sind, hätte man eine Gruppe, bei der man studieren könnte, was Menschen tun, die kein Geld mehr verdienen müssen. Und die auch nicht nach einem Jahr wieder zurück in einen wie auch immer ausgeprägten Prozess des Gelderwerbs müssen. Mein Eindruck ist, dass zwar etliche ein kleines Ehrenamt ausfüllen, aber etliche auch eher in Urlaub fahren (wenn sie das Geld dazu haben) oder ihren Garten besonders hingebungsvoll bearbeiten. Und manche schauen auch viel fern.Ich glaube, dass Menschen Unterstützung für die persönliche Entwicklung brauchen, um eigenständig aktiv zu werden. Das ist heute nicht bei allen gegeben.
Hanna Leinemann
09.02.201812:39
„Reicher Mann und armer Mann standen da und sah’n sich an, und der Arme sagte bleich: ‚Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.’“ (Bertolt Brecht); ist das dem/der Reichen zu vermitteln? Wenn wir es wollen, packen wir es an, schließen wir uns zusammen, z. B. mit der Generationen Stiftung Berlin. -
Ute Plass
04.02.201820:04
@Georg Lechner - "...ob genug Menschen das so wollen", das zeigt sich, wenn alle WahlbürgerInnen sich direkt zur Frage und Gestaltung einer bedingungslosen Existenzsicherung einbringen können.

https://www.omnibus.org/demokratie_und_grundeinkommen.html

Georg Lechner
02.02.201813:12
Die Frage ist allerdings auch, ob genug Menschen das so wollen. Denn was sonst bei den herrschenden Verhältnissen (aktuellen politischen Mehrheiten) herauskäme, wäre eher zum Abgewöhnen, davor hat Christoph Butterwegge nicht zufällig gewarnt.
Ute Plass
28.01.201820:51
Antje Schrupp stellt am Ende ihres Beitrages wesentliche Fragen, die ich bei dem ‘Armutsforscher’ Butterwegge vermisse.
Fazit:
Wer zu der Einsicht gelangt, dass der Sinn des Menschseins vom Geldverdienen zu lösen ist, wir alle von gegenseitiger Fürsorge abhängig sind (auch materiell),
und unsere Vorstellungen von Ökonomie über den geldvermittelten Markt hinausweisen müssen, findet auch gangbare Wege in diese Richtung:
http://www.bzw-weiterdenken.de/2013/05/die-entwicklung-einer-wirtschaft-der-fursorge/
Birgit Jürgens
26.01.201817:31
Dazu kommt die Aussicht auf Würde und Gleichberechtigung - allein die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bekäme einen nie da gewesenen Aufschwung, alle Menschen könnten unabhängig von Existenzängsten ihr Ding machen und ihren Beitrag leisten - und dieser Traum könnte ohne Probleme Realität werden - es hängt nur vom politischen Willen ab.
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