Havel stand für »antipolitische Politik«
Vaclav Havel wandte konsequent Errungenschaften der modernen Literatur an und entwickelte sie auf die Situation einer Diktatur hin weiter. Mit ihm ist ein selbstständiger Denker gestorben, ein zuverlässiger, der Wahrheit unbedingt verpflichteter Mensch, ein Staatsmann, der für eine »antipolitische Politik« eintrat, für eine Politik »als Dienst an der Wahrheit, als wesenhaft menschliche und nach menschlichen Maßstäben sich richtende Sorge um den Nächsten«.
Für mich persönlich ist mit Vaclav Havel der Repräsentant der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung gestorben. Meine Frau und ich hatten in den 1980er Jahren vertrauten Kontakt zu Unterzeichnern der »Charta 77«, auch zu Jan Patocka, der das Manifest gemeinsam mit Havel verfasst hatte.
Die tschechoslowakischen Dissidenten hatten es ungleich schwerer als wir in der DDR. Sie hatten nicht den Schutzraum der Kirche: Priester mussten als Heizer arbeiten, ein Pfarrer der Böhmischen Brüder sortierte Nacht für Nacht Briefe in einem Eisenbahnzug. Eine Katechetin arbeitete in der Werkzeugausgabe eines Industriebetriebs. Intellektuelle mussten als Straßenkehrer, Forstarbeiter oder Briefträger arbeiten. Sie bekamen völlig willkürlich den Führerschein für einige Zeit entzogen, damit sie sich nicht spontan innerhalb der CSSR bewegen konnten. An eine Reise etwa in die DDR konnten sie gar nicht denken.
»Wie über ihn gesprochen wurde, hat uns nachhaltig beeindruckt«
Von Vaclav Havel war immer die Rede. Er erschien uns als Kristallisationspunkt der Opposition, als Verkörperung ihrer gesammelten Kraft und ihres Lebenswillens. Von ihm wurde humorvoll gesprochen, immer achtungsvoll, nie unterwürfig. Es war, als fühlten sich die Dissidenten (und nicht nur sie, auch viele andere Menschen, die nicht der Opposition angehörten) in seinem Verhalten, seiner Geradlinigkeit, seinem Mut, seiner Zuverlässigkeit und seinem völlig unprätentiösen Verhalten aufgehoben. Er war als einer der Führer der »Charta 77«-Bewegung in den Gesprächen und Überlegungen stets gegenwärtig, aber nie als Übervater, nie einschüchternd, ängstigend, sondern stets ermutigend, zur Kritik herausfordernd, auch des eigenen Denkens und Verhaltens. Wir haben ihn nicht persönlich kennengelernt, aber wie über ihn gesprochen wurde, hat uns nachhaltig beeindruckt.
Vaclav Havel ist nie einer Ideologie aufgesessen
1968 war ich enttäuscht, dass Havel zwar den Reformkurs Alexander Dubceks unterstützte, dass er aber in den Monaten des Prager Frühlings keine politisch hervorgehobene Rolle spielte. Erst später, erst durch die Gespräche mit den Freunden von der Charta 77, habe ich begriffen, dass Havel bereits damals die Grenzen erkannt hatte, die jeder Reform des Kommunismus gesetzt sind. Seine bürgerliche Herkunft, sein Lebensweg in bürgerlichen und Künstlerkreisen hatten ihn stets in Distanz zum Kommunismus gehalten. Die Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 war zwar schmerzlich für ihn, hat ihn aber nicht zu einer Änderung seiner politischen Haltung gezwungen. So ist Havel auch einer der wenigen Dichter von weltliterarischer Bedeutung und einer der wenigen osteuropäischen Staatsmänner nach 1989, die in ihrem ganzen Leben bruchlos einen undoktrinären Humanismus vertraten, immer mit einem Schuss Ironie, aber nie leichtfertig. Er ist keiner Ideologie aufgesessen.
Was er 1969 an Alexander Dubcek schrieb, wirkt nun wie ein Vermächtnis: »Es gibt hin und wieder Augenblicke, in denen der Politiker wirklichen politischen Erfolg nur erringen kann, indem er das ganze verknüpfte Netz relativierender politischer Rücksichten, Analysen und Kalkulationen vergisst und sich einfach wie ein ehrenhafter Mensch benimmt. Die plötzliche Anwendung unmittelbar menschlicher Maßstäbe inmitten der entmenschlichenden Welt politischer Manipulationen kann wie ein Blitz wirken, der diese unübersichtliche Landschaft mit hellem Licht überstrahlt. Und auf einmal ist die Wahrheit wieder Wahrheit, die Vernunft Vernunft und die Ehre Ehre.«
Vaclav Havel - von 1993 bis 2003 Präsident der Tschechischen Republik - starb am 18. Dezember 2011. Er wurde 75 Jahre alt.
