Die Stunde der Krokodile
Bei den Tongas, im südlichen Sambia, kann man mit etwas Flüssigem – Geld oder Alkohol – zum Diviner, dem Zauberer, gehen und darum nachsuchen, Feinden, lästigen Verwandten oder fiesen Rivalen ein Krokodil zu schicken. So ein Krokodil ist eine feine Sache, zumal es in vielen Landstrichen ausreichend Exemplare davon gibt. Ob die Echsen immer die ihnen zugedachte Aufgabe erfüllen, lässt sich oft nicht klären. Gleichwohl sitzt man dann daheim mit dem wohligen Gefühl, dass früher oder später Gerechtigkeit walten werde, besonders, wenn man sich selbst im Nachteil wähnt oder sich die Welt um einen herum zum Schlechteren entwickelt.
Den Eindruck, es gehe irgendwie ungerecht zu, teilen die Deutschen mit jenen, die zum afrikanischen Zauberer gehen; allein es mangelte hierzulande bisher an frei laufenden Krokodilen. In Clangesellschaften ist zudem der oder das Böse leichter auszumachen, die Strukturen sind übersichtlich, der fiese Nachbar nah. Dagegen sind Globalisierung, Bankenkrise oder Klimawandel fern – wenigstens subjektiv.
Das Gefühl von Chancenungleichheit nährt Ressentiments
Anders in westlichen Industriegesellschaften. Die Todsünden von Rot-Grün (und auch der folgenden Regierungen) hinterließen ein verbreitetes Gefühl ungerechter Chancenungleichheit: Hartz-IV, sinkende Reallöhne, Steuersenkungen für Kapitalgesellschaften mit der Verelendung der Kommunen, dazu miese Rentenperspektiven. Hinzu kamen inzwischen verheerende Zustände in Alteneinrichtungen, Zwei-Klassenmedizin, Bankenpleiten und horrende Boni für Manager, fröhliche Misswirtschaft beim Berliner Flughafen oder Stuttgart 21, haarsträubende Zustände bei Geheimdiensten und den Kriminalämtern, dröhnende Bereicherungen bei Rüstungsprojekten und höhnische Steuerhinterziehungen der Schönen, Reichen und Mächtigen. Selten, dass schuldhaft Handelnde – wie FC Bayern-Präsident Uli Hoeneß, der auch noch seine Selbstanzeige verwurstelte – ein Gesicht bekommen: Ungerechtigkeit bleibt ohne Identität. Das nagende Gefühl, man persönlich sei monströser Ungerechtigkeit ausgesetzt, während sich andere ungestraft bereichern, nährt Ressentiments – jene ansteckenden und generalisierenden Wünsche nach Revanche. Doch jene, die um Altersversorgung und Einkommen fürchten müssen, deren Erspartes und im Grünen Erbautes in Gefahr zu sein scheint, besitzen oder kennen keine adäquaten Mittel der Empörung. Dies ist das Klima, in dem hierzulande Krokodile heranwachsen.
Ihr gefundenes Fressen ist der Veggie-Day der Grünen, das Rauchverbot in Kneipen, das Tempolimit oder sind überhaupt alle Vorschläge, die den Einzelnen noch mehr Freiheit nehmen. Diese Themen und der mit ihnen verbundene Verlust ist konkret, fassbar und wird unmittelbar persönlich erlebbar. Dann wünschen sie sich Krokodile – für »Gutmenschen«, die Vorschriften machen, persönliche Freiheitsgrade einschränken und alles besser wissen.
Banker, die sich verzocken? Na gut. Ein über Jahre verschleppter Mindestlohn? Nicht schön, klar. Lebensversicherungen als zweites Standbein der Altersversorgung, die bald nichts mehr wert sind? Tja. Aber ein Veggie-Day?! Tempolimit?!
Psychoanalytisch betrachtet ist das die sogenannte Verschiebung auf das Kleinste, das Überschaubare, das, was jeder kapiert – wo doch globale Zusammenhänge so kompliziert sind.
Ritualisierte Empörungswellen schwappen am Problem vorbei
Wir sind es, die Krokodile schicken, sie mit Startauflagen von hunderttausend Exemplaren ausstatten. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob die Richtigen getroffen werden oder überhaupt ein Problem einer Lösung näherkommt. Das wohlige Gefühl daheim entscheidet. Es geht nicht um Rationalität, die Thilo Sarrazin für sich behauptet. Es geht überhaupt nicht um die Sarrazins, sondern darum, dass jemand verbreitete Affekte ausdrückt, indem er Sprachlosigkeit in dröhnende Selbstgerechtigkeit verwandelt.
Ritualisierte Empörungswellen jener, die von Thilo Sarrazin angegriffen werden, schwappen am Problem vorbei, verschärfen es nur. Sarrazins Opferpose greift den Eindruck der vielen auf, seit Jahren benachteiligte Opfer zu sein. Wer als Hartz-IV-Empfänger für jeden Euro Schlange stehen und ihn hernach dreimal umdrehen muss, fühlt sich zu Recht als Opfer. Das macht die Identifikation mit einem leicht, der sagt, was man doch wohl noch über Türken oder Ausländer, Ökos oder linke Journaillen sagen darf. Dürfen sich Grüne und Sozialdemokraten (deren Mitglied Sarrazin ist) demgegenüber ebenfalls in die Opferposition gegenüber den neuen Demagogen stilisieren? Waren sie es doch, die Hartz-IV einführten. Sie leiteten die größte Umverteilung in der Geschichte der Bundesrepublik ein. Von unten nach oben, wohlgemerkt. Ihre Gesetze haben über Jahre die Schwachen der Gesellschaft gedemütigt. Und sie haben bis heute keine Antworten auf die Finanzmarktkrisen gefunden, winken im Zweifel Merkels Politik im Eilverfahren durch.
Krokodile benötigen Biotope, um zu monströser Größe heranwachsen zu können. Sie lösen keine Probleme, bieten aber emotionale Entlastung. Die haben weder Grüne noch Sozialdemokraten zu bieten. Der historische Fehler der Grünen war und ist die Missachtung der sozialen Frage, der sozialen Gerechtigkeit als Voraussetzung jeder grünen Politik. Dies ist die Steilvorlage, über sogenannte Gutmenschen herzufallen und ihnen Besserwissertum, Vorschrifterei und Illiberalität vorzuwerfen.
Krokodile bekämpft man nicht mit eigenen selbstgerechten Posen, die einen ununterscheidbar von den Opferstilisierungen der neuen Rechten machen. Und auch nicht mit Gemüsetagen oder Tempolimits – so sinnvoll sie sein mögen. Es ist die soziale Gerechtigkeit, die über den sozial-ökologischen Umbau der Gesellschaft entscheidet. Bei Strafe der Krokodile.
