Der lange Atem der Mutigen
Es gab auch gute Meldungen im Jahre 2014. Eine davon ging in den Medien weitgehend unter: Ende der vergangenen Jahres wurde das Millionste Erasmus-Baby geboren. Also das Millionste Kind von Eltern, die sich im Rahmen des Erasmus-Programms während eine Studienaufenthalts im europäischen Ausland kennen und lieben lernten. Eine Million Erasmus-Babys – das ist ein Wunder. Während sich die Großväter und Urgroßväter dieser Kinder noch bekriegten, wagten ihre Eltern Zukunft. Sie ließen sich nicht auffressen von der grassierenden Zukunftsangst, die heute Europa, auch Deutschland, beherrscht.
Angst und die Suche nach Sündenböcken
Auch im reichen Deutschland ist Angst allgegenwärtig. Sie tritt nie alleine auf, sondern in Begleitung. Man trifft sie als Verlustangst, als Abstiegsangst, als Fremdenangst, als Terrorangst oder eher vage als Zukunftsangst. Da sie als Angst vor dem Ungreifbaren daherkommt, wirkt sie im besten Falle lähmend. Im schlimmeren Falle führt sie zu wachsendem Egoismus. Man versucht für sich zu retten, was zu retten ist. Im schlimmsten Fall sucht man sich einen Sündenbock, dem man die Angst aufbürden kann. Dadurch erscheint die Welt übersichtlicher, die Schuldigen sind gefunden. Die Folgen sehen wir zur Zeit, in Deutschland, in ganz Europa – am Umgang mit Minderheiten, am Umgang mit Zuwanderern, mit Flüchtlingen, mit denen, die anders leben und anders glauben.
Die Menschen fühlen sich als Getriebene
Kein Zweifel: Es gibt gute Gründe für die Zukunftsangst. Obwohl immer mehr Technik unseren Alltag regelt, wird die Welt um uns herum immer unberechenbarer. Firmen müssen ständig mit neuen Trends rechnen, mit neuen Konkurrenten aus anderen Erdteilen. Die Arbeitslosigkeit ist zurückgegangen, doch viele Arbeitsverhältnisse sind unsicher, ständig bedroht, befristet, geliehen, sind mehr Projekte als längerfristige Engagements. Wer nach dem Prinzip »Heute hier, morgen dort« leben muss, tut sich schwer mit stabilen Verpflichtungen, Partnerschaften, Freundschaften, mit dem Elterndasein oder mit einem dauerhaften Engagement. Die Gesellschaft wirkt wie ein dynamisches Getriebe, das immer schneller läuft. Doch kaum mehr jemand weiß, warum und wohin. Und die Menschen sind die Getriebenen.
Die Grenzen des Materialismus
Kaum jemand gibt es offen zu, doch alle wissen dabei: der wachsende Materialismus als Ziel unseres Lebens stößt an die harten Grenzen der Natur. Die Globalisierung der Wirtschaft hat mehreren hundert Millionen Menschen in China, Indien, Brasilien, Mexiko oder Indonesien sehr viel gebracht. Sie sind damit zugleich gute Kunden für deutsche Exporte. Da diese Länder jedoch den gleichen Konsumstandard wie Amerikaner und Deutsche anstreben (wozu sie so lange ein Recht haben, wie Amerikaner und Deutsche es sich nehmen), nimmt die Ausbeutung der Rohstoffe rasant zu, das Klima heizt sich auf. Allen Verantwortlichen ist klar, dass es die Erde nur schwer aushält, wenn alle acht Milliarden Menschen so leben wie Amerikaner und Deutsche. Doch die Schizophrenie besteht darin, dass (fast) alle Verantwortlichen genau darauf hinarbeiten, dass es so kommt. Und die meisten Bürger folgen ihnen, obwohl viele genau wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Das schafft Angst.
Die Bürgerkriegswelt und der Missbrauch der Religionen
Und die Angst wächst weiter, weil wir in einer Bürgerkriegswelt leben. Sie beginnt schon in Europa, in der Ukraine. Dort erleben die Bürger, wie die Mächtigen in Washington und Moskau über ihr Schicksal entscheiden. Weltweit hat der Kapitalismus Gewinner geschaffen, doch den neuen Reichen stehen Habenichtse gegenüber, vor allem in Afrika, aber auch im Nahen Osten. Da die Politiker getreu der neoliberalen Ideologie in erster Linie den Markt fördern, ließen sie Staaten zerfallen. Somalia, Kongo, Nigeria, aber auch Syrien, der Irak und Afghanistan symbolisieren diese Entwicklung.
Mit dem globalen Kapitalismus wurde auch das umstrittene westliche Wertesystem exportiert. Kapitalismus und liberales Denken nehmen keine Rücksicht auf regionale Kulturen, Religionen und Traditionen. Zurück bleiben Heerscharen von Erniedrigten, die leicht von lokalen Warlords oder radikalen Gruppierungen für deren Machtinteressen mobilisiert werden können. Oft genug unter Missbrauch der Religionen als Brandbeschleuniger. Es kommt zu Gewalt und diese Gewalt schafft Millionen Opfer – und hunderttausende Flüchtlinge, die nur noch ein Ziel kennen: weg aus ihrer Heimat, dorthin, wo sie, wie sie glauben, in Würde leben können.
Politik ohne Orientierung
Unübersichtlichkeit, Unberechenbarkeit, Konkurrenz um begrenzte materielle Möglichkeiten – dies schafft Angst. Und diese Angst lässt so manchen aggressiv werden, sie frisst manche Seele auf. Zumal die Politik keinerlei Orientierung bietet. Sie laviert bestenfalls zwischen allen Fronten, stopft hier ein Loch, um an anderer Stelle ein neues aufzureißen, kuriert meist an Symptomen, ohne die Ursachen zu bekämpfen. Sie lullt eher ein, als aufzurütteln. Und wo sie entscheidet, tut sie alles, um das kapitalistische Getriebe am Laufen zu halten. Dazu gehorcht sie oft genug den Lobbys der Privilegierten und Mächtigen, die bei Veränderungen viel verlieren können, weil sie viel haben.
Es gibt sie noch, die Solidarischen, die Widerständigen
Bleibt da noch was außer Verzweiflung im Jahre 2015? Meine Antwort heißt: Ja, durchaus. Es bleiben Menschen wie die Erasmus-Eltern. Es bleiben jene Menschen, die mutig gegen den Strom schwimmen. Jene Menschen, die Widerstand leisten gegen den kapitalistischen Wachstumswahn; jene Menschen, die Solidarität mit Flüchtlingen leben statt die Verantwortung für alle Probleme auf sie abzuladen; jene, die demonstrieren gegen angebliche Patrioten und deren hasserfüllten Feindbilder; jene, deren Lebensfreude nicht an einem aufgemotzten Geländewagen, an mehr Geld auf dem Konto oder mehr Fleisch auf dem Teller hängt; jene, die sich von der Konsumstarre längst befreit haben und nicht-materiellen Lebenszielen folgen; jene, die sich trotz allem in verantwortliche Ämter wählen lassen, die Geld spenden, das Schöne lieben und die – bei allen Ängsten – wissen, dass sie selbst nur gut leben, wenn auch die anderen gut leben.
Klar ist, dass die Mutigen in der Minderheit sind. Doch Mutige waren immer in der Minderheit und haben doch viel bewirkt, wie die großen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte zeigen, von Südafrika bis Deutschland. Je länger der Atem dieser Mutigen reicht, desto stärker wird der Druck auf die Politik, die Probleme wenigstens anzugehen. Politik bewegt sich nur, wenn sich die Menschen bewegen.
Und dann wird 2015 vielleicht doch ein besseres Jahr.
